Kultur : Hintertreppenblues

HANS-JÖRG ROTHER

Wer mit dem Leben nicht zurechtkommt, kann in der Kunst seine Welt finden, und wer partout gern Diamanten stiehlt, läßt sich davon durch keine schönen Augen abbringen.Besteht darin die Botschaft von Petra Katharina Wagners drittem abendfüllendem Film, der zum Wettbewerb des diesjährigen Saarbrücker Festivals gehörte? "Oskar und Leni" ist ein Großstadtfilm über gescheiterte Existenzen.Leni (Anna Thalbach) jobt bei einer matten Zaubershow, um sich ihr Gehalt als Tortenbäckerin aufzubessern, und meint, in Oskar den Mann ihres Lebens gefunden zu haben.Leider findet sie ihn nach der kurzen Begegnung in der U-Bahn nicht wieder, nur seine auf eine Off-Bühne führende Spur.Aber da ist Oskar (Christian Redl), vor ein paar Tagen erst aus dem Gefängnis entlassen, schon wieder mit neuer Beute auf und davon.Ihm bot das Theater zu wenig Halt, obwohl er unentwegt Shakespeare-Verse vor sich hinmurmelt.Vielleicht hat ihn die Kugel in seinem Hinterkopf um den Verstand gebracht.

"Oskar und Leni" ist ein Berlin-Film, der ebenso an die Gegenwart wie an die zwanziger Jahre erinnert.Seine Schwarz-weiß-Ästhetik knüpft an den Stil sozialkritischer Werke wie "Von morgens bis Mitternacht", "Hintertreppe", "Scherben" oder auch Murnaus "Der letzte Mann" an, nur daß die Figuren Petra Katharina Wagners viele verwirrende Dinge sagen.Die Stummfilmtechnik hätte ihnen gut getan und vor allem ihr Selbstmitleid beschränkt.Zwischen den ernüchternden Schauplätzen dieser Kinodichtung und den fast trunkenen, nicht immer gut zu verstehenden Dialogen und Monologen besteht der störendste Widerspruch des Films.Besonders leidet darunter Günter Junghans als Prinzipal der kleinen Wanderbühne, dem die mutlose Zeitstimmung in den Mund gelegt wird.Anna Thalbach spielt vorzüglich eine Proletarierin von heute, der die Tristesse das Selbstbewußtsein und, mit Verlaub, die Moral angefressen hat.In ihren hellwachen Blicken spiegelt sich eine Sentimentalität, die derart echt wirkt, daß die Kritik an der Rolle verstummt.Christian Redl wird man nicht allein wegen des prägnanten Kopfes im Gedächtnis behalten.In seinem schweren, wie vorherbestimmten Gang und in der harten Schärfe seiner Augen liegt die Resignation offen, die den Grundton des Films abgibt und die Schwarz-weiß-Kontraste zum Grauton verwischt.

"Oskar und Leni" ist ein Versuch, der ebenso berührt wie verstört.Wie ist das Leben doch schwer, scheint die Musik von Simon Jeffes zu singen, während die vor allem bei den Außenaufnahmen sehr sichere Kamera von Peter Polsak ein Berlin jenseits des Prosperitätswahns entdeckt.Womöglich kündigt diese Arbeit, so kritikwürdig sie im einzelnen sein dürfte, eine filmische Gegenkultur zu den hauptstädtischen Glanzbildern an.Kühle Perspektiven sind in Berlin freilich von jeher gerade recht für Herz und Schmerz.

In Berlin in den Kinos Hackesche Höfe sowie im Moviemento

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