Kultur : Hiob im Glück

WETTBEWERB „Slumming“ aus Österreich

Christian Schröder

Es dauert eine halbe Stunde, bis es in „Slumming“ zum ersten Mal hell wird. Das heißt, richtig hell wird es nicht, es ist bloß nicht mehr ganz so dunkel. Bis dahin hat der Film hauptsächlich in Wiener Eckkneipen und Abschleppdiskos gespielt, Lokalen, in denen der Schnaps nicht viel kostet und einsame Frauen zu alten Hits tanzen. Jetzt aber wacht Kallmann (Paulus Manker), eine Mischung aus Penner und Bohemien, an einem sehr kalten, sehr fahlen Wintermorgen auf einer Bank vor einem tschechischen Provinzbahnhof auf. Noch halb betrunken taumelt er auf den Bahnhof zu, den er nie zuvor gesehen hat, und stammelt: „Was ist denn da los?“ Und die Menschen, die ihm entgegenkommen und in einer Sprache sprechen, die er nicht versteht, brüllt er an: „Geht scheißen, alle!“

Eingeschlafen war Kallmann einige Stunden vorher auf einer Bank vor dem Wiener Nordbahnhof. Er hatte Rum getrunken, bis er bewusstlos umgefallen war. So haben ihn Sebastian (August Diehl) und Alex (Michael Ostrowski) gefunden, zwei Yuppie-Studenten, die nachts durch die Unterschichten-Kneipen ziehen. „Slumming“ nennen sie das: den Ärmeren in ihrem Elend zuschauen. Sie haben Kallmann in den Kofferraum von Sebastians BMW gesteckt, sind mit ihm über die Grenze gefahren und haben ihn auf die Bank vor dem Provinzbahnhof gelegt. Ein zynischer Scherz.

„Ich wollte ihm nur helfen“, sagt Sebastian später zu Pia (Pia Hierzegger), der Lehrerin, die er in einem Internetforum kennen gelernt hat. Kallmann, der Gedichte schreibt, die er an Passanten verkauft, und Wien noch nie verlassen hat, stapft durch tschechische Schneelandschaften, trifft ein Rehkitz, wird von Milchbäuerinnen gerettet und murmelt stoisch sein Mantra: „Hinter mir ist niemand, ich hab nicht einmal einen Pass, ich bin ich.“ Ein glücklicher Hiob.

Der österreichische Regisseur Michael Glawogger arbeitet, ähnlich wie sein Kollege Ulrich Seidl, an der Grenze zwischen dokumentarischem und fiktionalem Kino. Bei „Slumming“, seinem dritten Spielfilm, konzentriert er sich ganz auf seine beiden Hauptfiguren, die einander ähnlicher sind, als es zunächst scheint. Der Plot mag ein paar Wendungen zu viel haben, aber die Schauspieler sind großartig. Paulus Manker spielt den Quartalssäufer Kallmann als barocken Untergeher in der Tradition von Nestroy und Bernhard. August Diehl lässt hinter der Coolness des Schnösel-Arschlochs Sebastian die Leere und Verzweiflung eines Sinnsuchers spüren. Am Ende fährt er nach Jakarta, streift durch die Slums und tanzt auf der Straße. Endlich scheint er bei sich selber angekommen zu sein.

Heute 15 Uhr (Urania), 20 Uhr (International) und 23.30 Uhr (Urania)

0 Kommentare

Neuester Kommentar