Kultur : Hiobs Bote

Oliver Hirschbiegel und Ben Becker geißeln den Philosemitismus: „Ein ganz gewöhnlicher Jude“

Kerstin Decker

Oliver Hirschbiegel hat wieder einen Film gemacht. Nein, nicht „Der Untergang“, Teil 2, eher den Untergangs-Gegenfilm. Alle, denen Hirschbiegels Führerbunker-Faszination merkwürdig vorkam, dürfen sich jetzt überzeugen: Der Mann kann auch anders. Hat er es deshalb gemacht? Die Frage ist gemein. Wer so anfängt, hat das Vorurteil schon kultiviert. Irgendetwas in der Art solcher Verdächtigungskultur muss es sein, das Hirschbiegels Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ so unangenehm macht. Atmosphärisch unangenehm.

Es ist schon wieder irgendwie ein Bunkerfilm geworden. Wir sehen Emmanuel Goldfarb, Jude, Kulturjournalist genau 90 Minuten in seiner eigenen Wohnung. 90 Minuten lang geht er von einem Zimmer ins andere, denkt nach, öffnet eine Flasche Rotwein und – redet. Man könnte den wenigsten Menschen zuschauen, wie sie in voller Spielfilmlänge durch ihre Wohnung laufen. Dass man es hier kann, ist Ben Beckers Verdienst. Und dass einem gar nicht wohl dabei ist, ist wohl nicht einmal seine Schuld.

Emmanuel Goldfarb ist so um die 40, ein ganz normales Nachkriegskind. Ein ganz normaler Jude? Soeben hat er einen Brief von einem ganz normalen Schuldirektor bekommen, der einen „jüdischen Mitbürger“ einladen will – wie normal der sein sollte, sagt er nicht – in seine ganz normale Schule. In den Sozialkundeunterricht. Denn „leider kenne ich kein Mitglied Ihrer Religionsgemeinschaft . . . und verbleibe mit einem herzlichen Schalom Ihr . . .“.

Natürlich ist Emmanuel Goldfarb schon beim Lesen des Briefes voll des Hohns. Dieses ungeschickt-komische Bemühen, ganz normal zu schreiben. Einem Juden! Gebhardt heißt der Schulleiter. Goldfarb-Becker wird diesen Namen noch sehr oft aussprechen, voller Verachtung meistens, bei dieser Wanderung durch die eigene Wohnung, die auch eine Wanderung durch die Wüste ist. Wahrscheinlich, denkt Goldfarb, ist dieser Gebhardt einer der Lehrer, den die Kinder nicht einmal ernst genug nehmen, um ihn nicht zu mögen.

Er will absagen; er hat kein Talent, öffentlich zu sein. Und doch verrät sich in Goldfarb-Beckers Verachtung für Herrn Gebhardt nur seine eigene Hilflosigkeit; dieser Herr Gebhardt zwingt ihn etwas zu tun, das er nicht tun will. Noch einmal über sich und seine Eltern nachdenken, seine Ex-Frau und sein Kind. Über seine Mutter, die den fußballspielenden kleinen Jungen immer mahnte, ganz vorsichtig zu spielen. Denn Fußbälle im Fenster oder im Balkon der Nachbarn macht Rischess. Ah, Herr Gebhardt, Sie wissen nicht, was Rischess ist? Judenhass ist das. In den Augen seiner Mutter, die aus der Hölle wiederkam, und nicht lächeln konnte, nur laut lachen, etwas zu laut, machte alles Rischess.

Die Juden, das auserwählte Volk? Emmanuel Goldfarb lächelt bitter. Er weiß wirklich nicht, womit das Volk diese Strafe verdient hat. Gott könnte sich endlich einmal ein anderes Volk erwählen. Immerhin ist jeder, sogar Emmanuel Goldfarb allmächtig genug, Gott einfach abzuschaffen. Wäre da nicht die Angst, von Gott bestraft zu werden, weil er nicht glaubt, dass er existiert.

Diese 90 Minuten Kino erklären vielleicht mehr von der Zwiespältigkeit heutiger jüdischer Existenz, als ganze Seminare es könnten. Und Ben Becker, äußerlich der Klischeegermane, als Jude also kongenial besetzt, trägt diese moderne Quasi-Hiobsklage. Woher also das Unbehagen? Es begleitet nicht nur Sätze wie: „Sie haben unsere Musiker umgebracht, können sie da nicht wenigstens unsere Musik in Ruhe lassen?“ Es ist Goldfarbs Gestus, Menschen wie Gebhardt oder eben arglose nichtjüdische Klezmer-Enthusiasten – Goldfarb würde sie Philosemiten nennen – fast so übel zu finden wie die echten Antisemiten. In ihrer naiven Wiedergutmachungsbeflissenheit. Ist der Philosemitismus eine besonders hinterhältige Spielart des Antisemitismus?

Das Prätentiöse, das Selbstgefällige solcher Erwägung stößt ab. Nein, es gibt noch immer keine jüdische Normalität und wer etwas anderes behauptet, ist entweder gedankenlos oder böswillig. Und doch ist Normalität unverzichtbar, eine Normalität des Umgangs, die sogar ungeschickt, unbeholfen sein darf („Es grüßt mit einem herzlichen Schalom . . .“), weil ihr Gegenteil die universell gesetzte Kultur der Verdächtigung wäre.

Babylon, Neues Kant, Passage

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben