Kultur : Hiobs Botschaft

Steffen Richter

registriert Erdbeben in der Literatur Vor genau 250 Jahren legte ein verheerendes Erdbeben Lissabon in Schutt und Asche (siehe S. 26). Feuer brachen aus, es folgte eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle. Die erste global wahrgenommene Naturkatastrophe der Neuzeit fand ihren Niederschlag auch in der Literatur: Voltaire und Rousseau stritten, ob der Optimismus der Aufklärungsepoche zu Recht bestehe, und dem alten Goethe wurde angesichts des Elends die „Güte Gottes einigermaßen verdächtig“.

Die Frage, wie sich das Übel in der Welt mit einem gütigen Gott vereinbaren lässt, ist bis heute aktuell – zumal nach Katastrophen. Während in Lissabon einige Pragmatiker die besten Flaschen aus den Weinkellern retteten, setzten Priester schon zu Bußpredigten an. Das biblische Buch Hiob wurde zu einem der wichtigsten Texte. Darin stürzt der Herr seinen Knecht in schreckliches Elend – zur Probe. Hiob begehrt auf, fügt sich dann aber in Gottes unergründlichen Ratschluss: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.“ Weil Hiob für Schriftsteller – von Joseph Roth über Nelly Sachs bis Amos Oz – immer interessant war, diskutieren Sibylle Lewitscharoff, Rafael Seligmann und der Theologe Jürgen Ebach die Aktualität des Stoffes am 4.11. im Literaturhaus (20 Uhr, Fasanenstr. 23, Charlottenburg).

Seit dem Lissabonner Beben spricht man auch bei gesellschaftlichen Erschütterungen metaphorisch von Erdbeben. Hier zu Lande bebte die Erde das letzte Mal bekanntlich 1989. Der damals entstandene Christoph Links Verlag hat seit 15 Jahren entscheidenden Anteil an der Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Mittlerweile umfasst das Programm aber auch Titel zur aktuellen Politik, zur Zeitgeschichte und zu Berlin. Nicht zuletzt die Publizisten Christoph Dieckmann und Alexander Osang werden hier verlegt. Heute stellt Christoph Links seinen Verlag in der Buchhandlung Berlin Story vor (19 Uhr 30, Unter den Linden 40, Mitte). Dazu gibt es Dia-Projektionen über die Berliner Unterwelt – Tunnel, Keller, U-Bahnhöfe – und die des „Führerbunkers“.

Eins der letzten Bücher aus dem Links-Programm heißt „El Negro“. Darin geht der Niederländer Frank Westermann einer befremdlichen Geschichte nach: Im Museum eines spanischen PyrenäenStädtchens war er auf einen ausgestopften Mann gestoßen. Fortan recherchierte er, wie der Schwarze aus Afrika zur Weltausstellung von 1888 nach Barcelona kam und schließlich ein makaberes Ausstellungsstück wurde. Wenn Westermann am 3.11. (20 Uhr) im Literaturhaus mit Hans Christoph Buch über seine „verstörende Begegnung“ spricht, geht es vor allem um Kolonialismus – auch das ein erschütterndes Faktum im ach so aufgeklärten Europa des 19. Jahrhunderts.

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