Hip-Hop : Deutsch als Fremdsprache

Hoffnung des deutschen Hip-Hop: Der Indie-Rapper Caspar aus Friedrichshain und sein Album „XOXO“. Eine Begegnung

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Mützenmann, geh du voran. Benjamin Griffey alias Casper verzichtet bei seinen Rap-Texten auf Vulgärsprache. Foto: Andreas Janetschko
Mützenmann, geh du voran. Benjamin Griffey alias Casper verzichtet bei seinen Rap-Texten auf Vulgärsprache. Foto: Andreas...

Wenn man die Geschichte von Casper erzählen will, muss man früh ansetzen Anfang der neunziger Jahre, als er in ein Flugzeug steigt, das ihn von Georgia nach Deutschland bringt. Georgia, das war für Casper elf Jahre lang die Heimat. Genauer: Augusta, eine leidlich attraktive Stadt mit knapp 200 000 Einwohnern, in der vor allem Armee- und Polizei-Einrichtungen beheimatet sind. Auch Caspers Vater war Soldat.

Deutschland, das ist das Herkunftsland, zu dem der Junge zu jener Zeit keinerlei Verbindung hat. Er heißt damals auch noch nicht Casper, sondern Benjamin Griffey. Und er geht zurück in die Heimat seiner Mutter. Der Elfjährige muss sich arrangieren, wird nach zwei Wochen in die vierte Klasse der Grundschule im ostwestfälischen Extertal gesteckt. Er muss Deutsch sprechen, von einem Tag auf den anderen, die Unterrichtsmethoden, von denen er erzählt, erscheinen etwas fragwürdig: „Jedes Mal, wenn wir den Tisch deckten, sagten wir laut auf, was wir da gerade hinlegten. Messer, Gabel, Teller, und so weiter. Wenn wir einen Fehler machten, wurde alles wieder abgeräumt, und wir fingen wieder von vorne an.“

Vielleicht muss man sogar noch einige Jahre vorher beginnen. In den späten Achtzigern: Caspers Mutter heiratet einen Schwarzen. Statt der Rockmusik, die Caspers leiblicher Vater liebte, läuft im Hause Griffey plötzlich Hip-Hop. LL Cool J, Big Daddy Kane, NWA – absolute Schwergewichte des Genres. Casper, acht oder neun Jahre alt, rappt vor dem Badezimmerspiegel mit, fängt an, eigene Zeilen zu schreiben.

Dass er nach dem Umzug nach Deutschland keinerlei Interesse an der hiesigen Hip-Hop-Kultur entwickelt, ist kaum verwunderlich, ist sie doch Anfang der neunziger Jahre kaum existent. Zumindest nicht in Extertal. „Musik in Deutschland erschien mir zunächst schrecklich. Wenn Rap im Radio kam, war das furchtbarer Mainstream-Kram. Das sprach überhaupt nicht zu mir. Also wurde ich Spielplatzpunk“, erzählt der heute 28-Jährige im Büro seine Managers in der Kreuzberger Falckensteinstraße.

Spielplatzpunk. Ein schönes Wort. Und auch eine schöne Beschäftigung, vielleicht die bestmögliche für einen Kleinstadtjugendlichen. Casper ging den logischen Weg. Ausgehend vom Punk entwickelte er Interesse an Hard- und Emocore, hörte Bands wie Shelter und Snapcase, sang schließlich selbst in einer Punk-Band. Ebenfalls im Referenzpool: Der Indiepop von Tocotronic, Blumfeld, The Smiths. Das ist wichtig, weil diese Sozialisation auf seinem gerade veröffentlichten Album „XOXO“ nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen ist: Casper trägt enge Jeanshosen und Karohemden. Er ist tätowiert und leicht bärtig. Ein offener, sehr zuvorkommender Typ, eher weich als hart. Als Casper vor gut fünf Jahren anfing, überregional bekannter zu werden, warn Kollegen wie Fans von all dem nachhaltig irritiert.

In die Reihe der eher aggressiven Sidos, Flers und Bushidos passt Casper nicht. Und das hat gar nicht so viel mit der Musik zu tun. Denn wer „XOXO“ hört, erkennt zwar rasch, dass hier organischer gearbeitet wird als bei erwähnten Rap-Größen und dass vom Punk die Liebe zur markigen Stromgitarre und zur Heiserkeit in den Vocals mitgenommen wurde. Aber unterm Strich folgt auch dieses Album den Regieanweisungen des Raps. Viel Pathos, viel Dramatik. Mitskandierbare, parolenhafte Hooklines. Was fehlt, ist der ideologische wie ästhetische Unterbau, der kontemporären Hip-Hop so oft ins Aus schießt. „Casper“, so titelte die Musikzeitschrift „Intro“, „fickt nicht deine Mutter.“ Bedeutet: Er bedroht niemanden. Er definiert sich nicht über seine Sexualität. Er verzichtet auf Vulgärsprache.

Bald lernte Casper, der in Bielefeld eine Zeit lang Pädagogik studierte, Deutschrap kennen. Und dessen Nebenwirkungen. Als er mit einigen Kollegen seines damaligen Labels Selfmade Records – dort erschien sein Debüt „Hin zur Sonne“ – vor gut zwei Jahren in Berlin auftrat, stürmten Unbekannte die Bühne. Sie zerstörten das Equipment und gingen auf die Musiker los. Hintergrund war ein kaum zu rekonstruierender Konflikt mit einem Konkurrenz-Label, der aufgrund von verqueren Ehr-Vorstellungen nur mit den Fäusten ausgetragen werden konnte. „Einer meiner besten Freunde wurde verprügelt. An dem Abend war ich kurz davor, Hip-Hop aufzugeben“, erzählt Casper. Deutschrap, das sei ein hochkompliziertes Umfeld mit nur schwierig zu durchschauenden Codes und Frontlinien: „Ich liebe Rap. Mit Worten umzugehen, nur damit etwas zu kreieren, das bedeutet mir mehr als alles auf der Welt. Aber diese Szene ist anstrengend. Wenn du irgendetwas twitterst, fühlt sich gleich jemand angegriffen. Und bei den Festivals herrscht im Backstage-Bereich immer eine total angespannte Stimmung. Das hat mit mir alles nichts zu tun. Meine Welt besteht daraus, amerikanische Zeichentrickserien zu gucken, mir etwas zu essen zu bestellen und zu Hause zu chillen.“

Mit „XOXO“ wird Casper, der seit einiger Zeit in Friedrichshain lebt, die Bühnen der kleinen Clubs hinter sich lassen und damit auch die Konflikte der Szene. Schon jetzt spielt er vor allem auf Indie- und Rockfestivals. Beim Titelsong des Albums singt Thees Uhlmann mit, Kopf der Deutschrockband Tomte. In den Texten finden sich Querverweise auf die Smiths, und fragt man den Rapper nach seinem letzten Konzert, schwärmt er von den Postrockern Explosions In the Sky.

Casper schaut über den Rand der HipHop-Welt hinaus und löst auch jenseits der Genregrenzen Begeisterung aus. Der deutsche „Rolling Stone“ schrieb: „Klar, das ist jetzt die Rap-Platte, auf die sich alle einigen können.“ Beim Internethändler Amazon rangierte das Album schon Wochen vor der Veröffentlichung ganz oben in den Vorverkaufs-Charts. Und die Server des Online-Musiksender tape.tv wurden vom Ansturm der Fans in die Knie gezwungen, die „Der Druck steigt/ Blut sehen“ sehen wollten.

Es ist das erste Video aus dem Album und zeigt junge Menschen, die sich in urbaner Kulisse gegen die Ordnungsmacht auflehnen. Bildgewaltig inszeniert, inhaltlich unklar, aber auf angenehme Art: „Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil“, rappt Casper mit seiner prägnant heiseren Stimme. Das erinnert an die britische Shoegaze-Band Adorable, die mit „Favourite Fallen Idol“ Ähnliches textete. Eine Referenz, die zeigt: Casper besitzt so etwas wie Allgemeingültigkeit. Das ist im vom Hype zu Hype hetzenden Pop dieser Tage selten geworden.

„XOXO“ ist bei Four Music erschienen.

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