HipHop : Der Bad Boy und der Intellektuelle

Ghetto oder College: 50 Cent und Kanye West folgen mit ihren neuen Alben konträren Strömungen des HipHop. Bling-Bling gegen Universität, Kommerz gegen Kunst. Und Kanye West fabriziert wieder einmal einen Meilenstein des HipHop.

Jörg W,er
Kanye_West
Non scholae, sed vitae. Kanye West, akademisch. -Foto: Sarah Friedman/Universal

Krise? Welche Krise? Betrachtet man die Selbstinszenierung aktueller US-HipHop-Produktionen, würde man kaum vermuten, dass die Rapper-Innung gerade einige der größten Erschütterungen ihrer knapp 30-jährigen Geschichte erlebt. Noch wird in CD-Booklets und Musikvideos ein hemmungsloser Materialismus zelebriert, und die genreüblichen Statussymbole Karren, Knarren, Klunker und Konkubinen werden in kindlicher Prahlsucht ausgestellt und den Charakterstereotypen angedichtet, die seit dem Siegeszug des Gangster-Raps den HipHop-Mainstream bevölkern.

Inzwischen aber scheint dem Stammpublikum das naive Staunen zu vergehen. Lange waren die dem Gangsterimage assoziierten Coolness-Attribute attraktiv für haltungsrebellische weiße Mittelschichtkids, deren Kaufkraft für den großen Charterfolg unverzichtbar schien. Bei der zunehmend resignativen Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse im eigenen Land wachsen jedoch die Zweifel am düster strahlenden Nimbus des Bad Boys. Auch in den schwarzen Communities macht sich Ernüchterung breit: Der uramerikanische Traum vom klassen- und rassenüberschreitenden Aufstieg hat sich nur für eine verschwindend kleine Minderheit erfüllt, die ihren einstigen Lebenswelten längst entfremdet ist. 50 Cent etwa bewohnt im beschaulichen Connecticut das ehemalige Anwesen von Mike Tyson. Zusammenhänge zwischen gespiegelten Gangsterklischees und realer Kriminalisierung in der weitgehend rechtsfreien Ghetto-Hood lassen sich zwar schwer beweisen, an einer Wechselwirkung wird indes kaum noch gezweifelt.

HipHop in der Krise

Die Krise, die mit dem Bedeutungsverlust physischer Tonträger die gesamte Musikindustrie erfasst hat, trifft den HipHop wegen dieser Ernüchterung besonders heftig. 2006 war in den USA erstmals seit zwölf Jahren kein HipHop-Album mehr unter den zehn meistverkauften Platten. Kein 2007 veröffentlichtes Rap-Album hat dort bisher Platinstatus erreicht, also mehr als eine Million Einheiten verkauft. Dementsprechend konzentrieren sich die Hoffnungen auf die zeitgleich (in den USA am 11.9.!) erscheinenden neuen Platten der beiden erfolgreichsten HipHop-Solokünstler der letzten fünf Jahre: 50 Cent und Kanye West. Wenn die es nicht schaffen, den kommerziellen Niedergang des HipHop aufzuhalten, dann hilft höchstens noch Eminem mit seinem für den Herbst angekündigten Comeback.

Schon im Vorfeld der Veröffentlichung von 50 Cents „Curtis“ (Interscope/Universal) und Wests „Graduation“ (Roc-A-Fella/Universal) wurde ein Duellszenario entworfen. Die Duellanten geben sich betont selbstsicher. 50 Cent hat halb im Scherz sogar seinen Rücktritt als Rapper angekündigt, sollte er in den Charts hinter seinem Konkurrenten zurückbleiben. Dass die Sticheleien im Tonfall friedlich blieben, dürfte daran liegen, dass die beiden an den entgegengesetzten Enden des HipHop-Spektrums tätig sind. 50 Cent hat aus seiner Biografie die überlebensgroße Figur des geläuterten Ghetto-Gangsters aus Queens destilliert, der seine eigene Geschichte – im Jahr 2000 wurde er bei einem Drive-by-Shooting von neun Kugeln getroffen – als quasireligiöses Wiedererweckungserlebnis ausgeschlachtet hat.

Kanye West stand stets im Gegensatz zu den machistischen Glaubwürdigkeitsritualen der meisten Kollegen. Der in Chicago aufgewachsene Akademikersohn aus Atlanta kultivierte das Image des intellektuellen Nerds, das live und auf Platte durch eine Bärchenmaskerade auf den Covern noch zugespitzt wird.

50 Cent frönt einer dem Untergang geweihten Strömung

50 Cents drittes Album ist in seiner Sturheit ein faszinierendes Dokument einer dem Untergang geweihten Stilrichtung. Gangster-Rap hat sich überlebt, 50 Cent aber will es noch einmal wissen. Mit über 20 Millionen verkauften Platten im Rücken hat er das nötige Selbstbewusstsein, einfach weiterzumachen wie bisher. Für „Curtis“ hat 50 Cent ein ebenso beeindruckendes wie vorhersehbares Aufgebot an Gaststars engagiert: Seine gewohnt monotonen Sprechgesänge werden von HipHop- und R’n’B-Größen wie Justin Timberlake, Eminem, Akon, Mary J. Blige und Nicole Scherzinger aufgewertet.

Gleich 14 Produzenten, darunter Dr. Dre, Timbaland und Eminem, haben an dem Album mitgewirkt. Der Gesamteindruck ist dennoch homogen, ja eintönig. Die meisten Songs werden in einem gravitätischen Largo vorgetragen, das 50 Cents somnambulen Rapper-Qualitäten entgegenkommt. Das auf die Mitte konzentrierte Klangbild der düsteren Tracks, zugleich klingelton- wie cabriotauglich, wird aus wenigen perkussiven Elementen konstruiert und mit geloopten Streichersamples, Bläserfetzen, Pianoläufen oder Gitarrenlicks ornamentiert. Letztlich erweitert sich 50 Cents künstlerischer Horizont nur um Nuancen. Dankbar registriert man Bereicherungen wie das Salsa-Piano von „Man Down“ oder Timbalands Spielautomatensounds in „Ayo Technology“. Mit der Eminem-Kollaboration „Peep Show“ ist zumindest ein potenzieller Tanzflächenfüller vorhanden.

Ansonsten herrscht kreativer Stillstand auf hohem Niveau. Der konservative Gestus, der bereits sein Debüt „Get rich or die tryin’“ kennzeichnete, nimmt hier restaurative Züge an. Man hat das Gefühl, einem der letzten Rückzugsgefechte eines Gangster-Rappers beizuwohnen.

Bei Kanye Wests „Graduation“ zeigt schon das Cover, dass die Reise in unbekannte Gefilde geht. Der japanische Künstler Takashi Murakami schuf ein psychedelisches Comicbild, auf dem Wests Bärchen-Alter-Ego nach dem Reifezeugnis – „Graduation“ markiert nach „The College Dropout“ und „Late Registration“ den Abschluss der College-Albumtrilogie – in eine fremde Draußenwelt katapultiert wird. Das als Single ausgekoppelte „Stronger“ ist die logische Verbindung zweier verwandter und doch meist streng getrennter Welten: Außer bei gelegentlichen Remix-Aufträgen gibt es kaum Berührungspunkte zwischen (weißer) elektronischer Clubmusik und (schwarzem) HipHop. West bastelt um ein gebremstes Sample von Daft Punks French-House-Klassiker „Harder, Better, Faster, Stronger“ ein mitreißendes, die Genregrenzen niederreißendes Stück HipHop-Geschichte.

Kanye West legt ein innovatives Meisterwerk vor

Trotz seiner Unvoreingenommenheit gegenüber artfremden Einflüssen hat Kanye West mit „Graduation“ eine lupenreine HipHop-Platte vorgelegt. Der materielle Aufwand wird gegenüber dem monumentalen Vorgänger „Late Registration“ etwas zurückgefahren. Die Samplings sind weniger prominent (und teuer), die Gästeliste, auf ihr Coldplay-Sänger Chris Martin und Jay-Z, bleibt überschaubar. West verlässt sich auf sein Talent als Erfinder innovativer Soundcollagen und erweist sich dabei als Meister der Reduktion. Großartig, wie er im Opener „Good Morning“ aus wenigen Rohstoffen, dem Kicken einer Bassdrum, einer simplen Tonfolge auf der Harfe und einem hymnischen Gesangschorus, eine euphorisierende Nummer schichtet. Oder wie er in „Flashing Lights“ durch das Verweben slicker Streichersätze mit einem stur wiederholten Synthesizer- Riff eine hypnotisch schimmernde Atmosphäre für seine Reime kreiert. Keine Frage, dass West sich mit seinen selbstironischen Texten auf einem ganz anderen Reflexionsniveau als 50 Cent bewegt.

Während „Curtis“ in eine Sackgasse des HipHop mündet, beweist Kanye West mit „Graduation“ die Kraft zur Selbsterneuerung. Nimmt man weitere herausragende Alben hinzu wie Commons von Kanye West produziertes „Finding Forever“ oder „Desire“, das Zweitwerk des Consciousness-Rappers Pharoahe Monch, wagt man wieder hoffnungsvoll in die Zukunft des Genres zu blicken.

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