Kultur : Hiphop geht. Grime kommt.

Eine neue Punk-Kultur: Britische Rapper geben „schmutziger“ Musik ihren Glanz

Sebastian Handke

Was bewegt einen Künstler, seine eigene Musik als „Schmutz“ zu bezeichnen? Noch dazu wenn diese Musik in ihrer ausgesprochen digitalen Ästhetik paradoxerweise alles andere als schmutzig klingt? Es hat eine Art feindliche Übernahme stattgefunden im Londoner Underground: 14- bis 16-jährige Kids haben Piratenradios und Clubs unterwandert und ihren eigenen, aggressiven Sound durchgesetzt. Jetzt, wo aus dem Geheimtipp ein Hype zu werden droht, ist das Bemühen groß, nicht in demselben Plattenregal einsortiert zu werden wie jene, die man hinter sich ließ.

„Wot do U call it? Wot do U call it?!“ fragt Wiley, mit 25 Jahren schon fast eine Vaterfigur des neuen Sounds, ostentativ in seiner gleichnamigen Szenehymne. „Garage! – Urban! – 2-Step!“ schallt es zurück, doch nichts davon ist akzeptabel. Wer nicht einfach nur vom „East Sound“ spricht, weil diese Musik vor allem im Osten Londons stattfindet, hat sich „Grime“ zu sagen angewöhnt. Es ist die Musik der Armenviertel, die es in London auch gibt und in denen Einwandererkinder aus Indien, Pakistan und Afrika nach einer neuen Identität suchen. Ihr Sound hat sich abseits von Medien und Mehrheitsgesellschaft, aber auch jenseits jener polierten Partykultur entwickelt, die die Londoner Clubs des so genannten „UK-Garage“ bisher beherrschte. Doch wie es am Ende auch heißen wird, bedeutsam ist eines: Großbritannien hat offensichtlich seinen eigenen Weg zum Hiphop gefunden.

Gerappt wurde auf der Insel natürlich schon vorher. Doch der MC, der Sänger und Master of Ceremony, hatte vor allem die Aufgabe, das Partyvolk zum Tanzen zu bringen – mit DJs und Produzenten bildete er sozusagen eine Boygroup, die gemeinsam das Haus rockte. Jetzt haben sich die MCs in das Auge des Sturms vorgearbeitet – aus Animateuren wurden Geschichtenerzähler.

Die Aufgaben wurden neu verteilt. Der bisherige DJ-Sound eignete sich nämlich nicht als Trägermedium. Also übernahm man die Produktion eigener Stücke auch gleich selbst. Einige typische Ingredienzen der britischen Rave- und Clubkultur – vor allem gebrochene Beats und massive Bässe – blieben dabei erhalten, weil sich daran aber blutige Anfänger vergriffen, klingt das Ergebnis ungeschliffen, roh, bisweilen brutal und „dreckig“ wie die Straße. Das macht diese Musik so vertraut und so fremdartig zugleich. Warum kann sie nicht Hiphop heißen?

Wiley nennt seinen Stil „Eski-Beat“. Das ist von „Eskimo“ abgeleitet, seinem Undergroundhit, der dem Genre erstmals klare Konturen verlieh. Auch sonst hat er eine Vorliebe für alles, was gefroren ist: „Ice-Rink“ und „Igloo“ heißen andere Stücke. Sein jüngst erschienenes, großartiges Album „Treddin’ On Thin Ice“ (beim Label XL/Beggars/Indigo) verdankt sich ebenfalls dem Permafrost. In der Tat ist schneidende, digitale Kälte eines der auffälligsten Charakteristika dieser Musik, ein verstörender, bis aufs Skelett reduzierter Minimalismus auf meist nur drei bis vier Tonspuren: sehr präsente Bässe, bis zur Untanzbarkeit rumpelnde Beats, krude Playstation-Samples und mit etwas Glück noch eine kleine Synthesizer-Linie. Mit dem Flow und Downbeat-Swing, mit der elaborierten Produktionstechnik des amerikanischen Hiphop hat das nichts mehr gemein. Während jener den Wunsch des Musikers nach Respekt in Coolness transformiert, destillieren die britischen Globalisierungsverlierer Wut und Paranoia aus ihrem wenig glamourösen Stadtleben.

Die Geschichten, die die sehr jungen Rapper – oft noch Teenager – erzählen, handeln nicht von Flugzeugen, Champagner und dicken Dingern, sondern vom Alltag in der kalten Vorhölle der Londoner Außenbezirke. Ungewollte Schwangerschaften, Stress mit dem Police Constable, wie man Wahnsinn vermeidet oder am schnellsten zu Geld kommt. „Wenn du hier aufwächst, dann mit einer negativen Haltung“, sagt Wiley in einer BBC-Reportage über East London, „weil hier alles so negativ ist. Dieser Ort hier hat Schmutz. Es ist gut, wenn du dich auf die Seite des Rap schlagen kannst.“

So verabreden sich die Kids Abend für Abend zu „Battles“ oder „Clashes“, also Rapwettbewerben, in denen die virtuose Wortakrobatik in direkter Konfrontation mit anderen stetig verfeinert wird, bevor man sich über die zahlreichen Piratenradios an ein größeres Publikum wendet. Selbstproduzierte DVDs wie „Lord of the Mic – Battle Arena Vol. 1“ (bei Hotheadz Promotions) dokumentieren solche Duelle: in spärlich beleuchteten, mit Styropor ausstaffierten Räumen gehen die jungen Männer mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit ans Werk, denn sie verstehen sich als Poeten. Abgestimmt wird übers Internet oder per Handy. Klingeltöne gibt es natürlich auch – schließlich klingen schon die Stücke selbst gelegentlich so.

Die Plattenindustrie ist aufmerksam geworden auf das, was sich da zusammenbraut. Die nächsten Alben aus London, „Analyse This“ von Taz und „Diamond In The Dirt“ von Shystie, der angeblich schnellsten Rapperin der Welt, sind gerade erschienen; ebenso eine Kompilation unter dem Titel „Grime“ (bei Replex/Neuton), die erste dieser Art, die allerdings weniger einen Überblick verschafft, als vielmehr die dunklen Instrumentaltracks aus dem Süden Londons dokumentiert.

Schuld an der Aufmerksamkeit hat Dizzee Rascal, der im letzten Jahr mit seinem sensationellen Debütalbum „Boy in da Corner“ gegen die Konkurrenz von Coldplay und Radiohead den renommierten Mercury Prize gewann. Da war er gerade 18 Jahre alt. Wie viele der Jugendlichen in den Problemvierteln war Dizzee auf bestem Wege zu einer kriminellen Karriere, bis ein Lehrer sein Talent erkannte und ihn außerhalb des Unterrichts auf den Schulcomputern herumspielen ließ. Plötzlich war da eine ganz neue Stimme, die sich mit äußerstem Nachdruck Gehör verschaffte. „Ich könnte nie Pop machen“, sagt er selbstbewusst, „das ist einfach nicht in mir. Aber ich hoffe, dass meine Musik Pop wird, so wie Outkast und die Neptunes, die hat anfangs auch niemand kapiert. Ich habe mein Vermächtnis schon hinterlassen.“

So wächst, kaum dass ein Trend sich entwickelt hat, bereits die Furcht, der Hype könnte höchst kurzlebig sein – ein Pop-Versprechen, das sich wieder mal als Trugbild erweist. Das im September erscheinende zweite Dizzee-Album „Showtime“ (bei XL/Beggars/Indigo) wird solche Zweifel vielleicht nicht gänzlich zerstreuen können. Doch die Musik ist zwingend, eindringlich, ein akustisches Rowdytum, mit zuweilen fast clownesken Zügen. Dizzees Stimme schneidet Löcher in die Luft, wenn sie mit beispielloser Geschwindigkeit und hysterischem Verve ihre Reimkaskaden auswirft: „So much to say and so little time / such little space and so much to do / But if I can’t find a way around, I find a way across / And if I can’t find a way across I walk straight through.“

Es steckt viel Wut in dieser Musik. Aber auch die Melancholie ist nicht zu überhören, das Wissen, dass all der Ehrgeiz vergeblich sein könnte. „Vielleicht“, sagt Dizzee Rascal, „sind wir der Punk einer neuen Generation“.

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