Kultur : Hippe Typen

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf über

Klassik im Designeranzug

Die Zeiten, in denen Schlichtheit genügte, sind auch auf dem KlassikMarkt längst vorbei. Wer es heute als junger Musiker auf den großen Solistenerfolg absieht, muss auch als Typ ankommen. Das wird vielleicht nirgends so klar wie beim Durchblättern der Booklets, die die altehrwürdige Deutsche Grammophon den Veröffentlichungen ihrer Jungstars beigibt: Wo früher höchstens mal ein Agenturfoto zeigte, wie der betreffende Musiker vor zwanzig Jahren einmal aussah, präsentieren heute ausgiebige Fotostrecken Geiger und Pianisten als hippe Twens in lässig getragenen Designeranzügen, die sich vorzugsweise in weiträumigen Lofts oder gar auf metropolitanen Flughäfen aufzuhalten scheinen. Das ist als Marketing-Strategie natürlich verständlich – wie sonst soll denn die x-te Aufnahme von Liszts h-moll-Sonate oder Bachs Partiten zum Hochpreis an den Käufer gebracht werden, wenn nicht durch ein besonderes Lifestyle-Flair? Und so sehen wir bestürzt, dass die meisten Musiker in ihrer Hochglanz-Umgebung ziemlich verloren wirken. Der chinesische Pianist Yundi Li zum Beispiel, der nach seinem Sieg beim Chopin- Wettbewerb unter die Fittiche der Grammo genommen wurde, scheint doch eher ein braver, um äußerlichen Schnickschnack herzlich wenig bekümmerter Mensch zu sein – auch seine beiden bisher erschienenen Aufnahmen künden eher von einem ordnungsliebenden Naturell als von dandyhafter Verwegenheit. Auch bei Ilya Gringolts , dem zweiten Grammo-Twen, will das Ethan- Hawke-mäßige „Cooler Typ im Coffeeshop“- Image, das die Booklets seiner beiden CDs vermitteln wollen, nicht so recht überzeugen. Besser, man wirft gleich seine Bach-CD ein. Die verrät nämlich, dass Gringolts tatsächlich das Zeug hat, einer der ganz Großen zu werden. Und über seine tatsächliche Ausstrahlung macht man sich am besten ein Live-Bild in der Philharmonie , wenn er am Mittwoch mit dem DSO und Gary Bertini Prokofjews erstes Violinkonzert spielt.

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