Kultur : Hirnbonbons mit Sahnefüllung

Hauptsache Rausch: Die Frankfurter Schirn inszeniert mit „Summer of Love“ psychedelische Kunst der sechziger Jahre

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Wer an einem Wochentag die Frankfurter SchirnKunsthalle betritt, den empfangen gewöhnlich Flötentöne, Geigenzwitschern, Klaviergeplinker: Das Haus beherbergt zugleich die städtische Musikschule. In diesen Tagen donnern durch das Treppenhaus allerdings die Hymnen des „Summer of Love“, in denen San Franciscos Sommer-Traum des Jahres 1967 von freier Liebe und anarchischem Glück, Flower-Power und neuem Lebensgefühl besungen wird. In der gleichnamigen Schau im Obergeschoss der Schirn wird die Befreiung der Sinne nicht nur besungen. Auf Bildern, Plakaten und in Filmen ist zu sehen, wie das in jenem legendären, trip-seligen Sommer war. Für arglose Musikschüler eine verwegene Alternative zum Instrumental-Unterricht.

Die Frankfurter Schirn hat sich unter ihrem Direktor Max Hollein den Ruf erworben, mit Vorliebe zeitgeistigen Trends nachzuspüren (zuletzt: die Wiederkehr der romantischen Malerei), allerdings abgefedert durch Parallelausstellungen auf kunsthistorisch sicherem Terrain. So wird der „Summer of Love“ zusammengespannt mit Beuys und Rodin, ab 17. Dezember mit James Ensor. Eine krude Mischung, die für jeden Geschmack etwas bereithalten will. Die „Psychedelische Kunst der 60er Jahre“ muss sich dennoch ihr Publikum erst erobern, auch wenn sie auf eine breite Besucherschaft zielt. Denn die Ausstellung ist getragen von der verqueren Idee, dass der psychedelischen Kunst endlich ein Platz in der Kunstgeschichte gebü hrt, wo sie ähnlich wie die Op-Art und die kinetische Kunst bislang als unbedeutender Seitenstrang, wenn nicht als Kuriosum firmiert. Von LSD-Trips und Drogenkonsum inspirierte Kunst sei mehr als bewusstseinserweiternder Kitsch, lautet die These, zumal sich mit ihr politische Inhalte, der Aufstand einer ganzen Generation verbinden.

Den Nachweis bleibt die Schau in beiderlei Hinsicht allerdings schuldig: Weder gelingt es ihr, den Kunstwert von Plattencovern, Plakaten und rotierenden Mandala-Bildern zu belegen, noch stellt sie Verbindung zum politischen Geschehen der Zeit her, vor allem zum Vietnam-Krieg und der Protestbewegung der Sechziger. Stattdessen häuft die Ausstellung über 350 Objekte an und zeichnet minutiös nach, wer mit welcher Band eine Lightshow auf die Beine stellte oder wie der flippige Westcoast- Spirit im intellektuellen New York ankam. Weitaus schlüssiger wäre das Porträt jener Zeit, wenn auch andere angewandte Künste wie Mode und Design gleichberechtigt zur Ansicht kommen würden. Die permanente Rückkopplung des Gezeigten auf Rauscherlebnisse, das allseits angewandte Erklärungsmodell, die verflüssigten, wabernden Formen, die Farbspielereien seien von den LSD-Hirnturbulenzen inspiriert, reduzieren die ästhetische Formfindung am Ende auf ein biologisches Phänomen.

Womit der Motor läuft, wer welchen Treibstoff braucht, verrät sogleich das Entree der Schau. Über Janis Joplins poppig bunt bemaltem Porsche-Cabriolet hängen zwei Leuchtreklamen von Öyvind Fahlström: links das Esso-Schild in klassischer Manier, rechts im gleichen Schriftzug die Buchstaben LSD. Was als kollektives Glücksversprechen, als Gemeinschaftsexperiment der Hippie-Generation begann (erst 1966 stellt der Basler Pharmakonzern Sandoz die Produktion der Droge ein, im gleichen Jahr verboten die Vereinigten Staaten und Großbritannien den legalen Gebrauch), endete für viele in der persönlichen Katastrophe.

Die Ausstellung zelebriert Janis Joplin und Jimi Hendrix (der sogar mit einem eigenen Aquarell vertreten ist) mit Aufnahmen der Verzückung; das Ende vom Lied, die zerstörerische Sucht und das Sterben, blendet sie weitgehend aus. Dahinter steckt eine hedonistische Haltung, die oberflächliche Sicht einer nachfolgenden Generation, die sich an den Ornamenten delektiert und an den delirierenden Patterns erfreut, nach dem Preis oder den Motiven jedoch nicht fragt. Für Künstler, Werbeagenturen und Modeschöpfer, die sich heute von den Swinging Sixties inspirieren lassen, geht das in Ordnung, für Ausstellungsmacher weniger.

Der aktuelle Reiz der sechziger Jahre besteht nicht nur in den extravaganten Formen und Farben, sondern in der Ganzheitlichkeit des neuen Lebensentwurfs, der sich von der Musik über Kleidung, Möbel bis zur Wohnkultur erstreckte – mit einem utopischen Potenzial wie zuvor nur die Zwanziger. Die Epoche brachte ein Crossover der Medien, einen totalitären Ansatz hervor, wie man ihn bislang nur vom Bauhaus oder den russischen Konstruktivisten kannte. Allerdings verfolgten die neuen Animateure selten eine klare Vision, sie suchten vielmehr gerade den ideologiefreien Raum, fern von den rigiden Vorstellungen der Elterngeneration. Einen solchen Fluchtort bildeten die Multimedia-Events in den Nachtclubs oder die Rockkonzerte mit Lightshow.

Die Frankfurter Ausstellung versucht etwas von der damaligen Stimmung in den New Yorker und Londoner Diskotheken einzufangen, wo „die Leute mehr herumlagen als sonst was, die meisten stoned, oder sie bildeten es sich zumindest ein“, wie sich The-Move-Schlagzeuger Bev Bevan später erinnerte. Auch der Schirn-Besucher darf sich, seiner Schuhe entledigt, niederlassen in einer lilarosa-orange-farbenen gewölbten Wohnlandschaft des Möbeldesigners Verner Panton mit Blick auf sich beständig verändernde Blasen und Schlieren an der Wand. Mittels Dia- und Overheadprojektoren werden verflüssigte Farben an die Wand geworfen, als wär’s ein einziger Rausch. Andy Warhol adaptierte die Westcoast-Erfindung in New York für seine Show mit The Velvet Underground und Nico, die er nun ihrerseits überlebensgroß auf das tanzende Publikum projizierte. In England begann sich Gustav Metzger für die Methode zu interessieren und bildete sie zur Kunstform aus. Der lange vergessene Londoner Künstler inszeniert heute, vierzig Jahre später, seine Flüssigkristall-Shows in den großen Ausstellungshäusern neu. Auch die Schirn reserviert ihm einen Raum für seine Projektionen mit Flokkati-Teppich und Riesenkissen zum Lümmeln. Fehlen nur noch die „ambrosischen Hirnbonbons mit Sahnecremefüllung“, wie Tom Wolfe es nannte.

Dieser selige Trip ist endgültig vorüber. Keine Ambient-Kunst der Neunziger, die Malerei und Möbel-Design verband, keine Ecstasy-Party zu Techno-Gewummer brachte sie wieder. Die Katerstimmung des Summer of Love ist noch nicht verflogen. Für den Ritterschlag der Kunstgeschichte ist es zu früh.

Schirn-Kunsthalle, Frankfurt, bis 12. Februar. Katalog (Hatje Cantz) 29,80 €.

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