Kultur : Hirnerschütterung

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Tilman Spengler über die grauen Zellen der Roten Armee Fraktion

Das traditionelle Problem der Genie und Elitenforschung, jedenfalls wenn sie von Neuroanatomen betrieben wird, liegt in der betrüblich langen Zeitspanne, die gemeinhin zwischen Geistesstreich und der Möglichkeit seiner medizinischen Darstellung verstreicht. Da blitzt und funkt es aus den gräulichen Rindenfeldern der Virtuosen, gewaltige Werke entstehen, doch bis es dem Forscher gestattet ist, jenes subtil-sublime Organ zu untersuchen, das der Urheber der Wunderleistung ist, hat die Natur es verfettet, verkalkt, verödet, kurz alles unternommen, um die Spuren des Genialen auszulöschen.

Gewiss, es gab Lieblinge der Götter, die früh verstarben, doch entweder fehlten damals die interessierten Gelehrten, oder es achtete niemand auf die kunstgerechte Bewahrung des encephalon. Der akademische Regelfall befasste sich mit Gehirnen, die wie die erschlafften Muskeln eines in jungen Jahren zu sportlichem Ruhm gekommenen Greises nur noch wenig zur Entschlüsselung einer, sagen wir, genialen Beinschere, beitragen. Da aber die Wissenschaft vom Außergewöhnlichen und seinen Ursachen lebt, wurden in die Forschungen schon früh die prominentesten Verbrecher einbezogen. Auch diese sind ja – Elite: genialisch in ihrem Vermögen, Leid anzurichten und Schuld zu verstecken. Der Königsweg der Hirnforscher führte daher schon immer zum Scharfrichter, zumindest zur Gerichtsmedizin.

So noch in unseren Tagen, wie uns Bettina Röhl, die Tochter von Ulrike Meinhof mitteilt. Frau Meinhof wurde zwar nicht hingerichtet, sie erhängte sich am 9. Mai 1976 in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim, und wie bei jeder zunächst „ungeklärten Todesart“ ordnete die Staatsanwaltschaft eine Autopsie an, bei der Proben aus Hirn und Organen für eine spätere feingewebliche Untersuchung entnommen wurden. Soweit alles im forensisch grünen Bereich.

Doch dann erinnerte sich ein Forscher aus Tübingen an die große medizinische Tradition der hirnanatomischen Lokalisierung des Bösen und des Guten und bemächtigte sich des Gehirns von Ulrike Meinhof in toto. In Deutschland ist diese Forschung eng mit dem Namen von Oskar Vogt (1870-1959) verknüpft, zu dessen bekanntesten Arbeiten die Zerlegung von Lenins Hirn in mehr als 30000 Einzelschnitte gehört. Die sowjetischen Auftraggeber wollten damals wissen, ob sich das Geniale in Lenin materiell aufspüren und gegebenenfalls nachzüchten liesse. Die Nazis, die von der Sache Wind bekommen hatten, setzten Agenten ein, um Lenins Gehirn aufzustöbern und den Nachweis zu führen, dass der Bolschewismus nur die Ausgeburt eines syphilitischen Organs sei. Allerdings befand sich das Gehirn nicht mehr dort, wo es die Nazis vermuteten.

Es scheint ein trauriges Los von Elitehirnen zu sein, dass sie auf Grund ihrer Seltenheit immer wieder unter engen akademischen Freunden zirkulieren müssen. Das galt für Lenin wie für Einstein wie für Walt Whitman, dessen Gehirn beim Transport der Nachwelt verloren ging. Es fiel zu Boden und zerschellte im Glas. Auch daher hat Bettina Röhl Recht, wenn sie moniert, dass das Hirn ihrer Mutter „in einer Pappschachtel“ durch die Republik befördert worden sei. Und die Wissenschaft? Sie hat bei der Suche nach dem Sitz des Guten und des Bösen im Gehirn noch keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Wenn man das Ganze einmal vom Guten betrachtet, ist das ziemlich böse.

Der Autor hat den Erfolgsroman „Lenins Hirn“ verfasst.

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