Kultur : Hirnschluckauf

Im Kino: „Ein Tick anders“ über das Tourette-Syndrom

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„Ich würde auch Angst kriegen, wenn ich mich treffe“, sagt Eva (Jasna Fritzi Bauer). Ihr Lieblingsort ist ein einsamer Weiher im Wald. Gerade hat sie dort eine wanderlustige Familie mit „Kinderficker“ begrüßt und in die Flucht geschlagen. Dabei ist es nur ein Hirnschluckauf, der sie unvermittelt zu Kraftausdrücken verleitet.

Das Tourette-Syndrom ist eine hinterlistige Fehlfunktion des Gehirns, die die Mitmenschen verstört und die Betroffenen vereinsamen lässt. Aber eigentlich hat Eva ihren Frieden mit der Krankheit geschlossen. Sie wohnt mit Familie auf dem Land, die Verwandtschaft pflegt einen humorvollen Umgang mit ihren Ticks. Schwieriger wird es, wenn Eva zum Beispiel eine Leiche im Wald findet und den Fund bei der Polizei melden will. Der Uniformierte hört sich die Beschimpfungen geduldig an, aber die Leiche muss warten, bis ein Pilzsammler sie findet. Am schlimmsten ist für Eva die Vorstellung, weg zu müssen aus ihrer gewohnten Umgebung. Als der arbeitslose Vater eine Stelle in Berlin bekommt, tut sie alles, um zu Geld zu kommen und den Umzug zu verhindern. Dazu gehört neben dem Vorsingen bei einer Casting-Agentur ein Bankraub mit ihrem kleinkriminellen Onkel (Stefan Kurt).

Andi Rogenhagens sympathische Komödie „Ein Tick anders“ ist von der einkaufssüchtigen Mutter bis zur patenten Oma, die Staubsauger in die Luft sprengt und sich jeden Mittag zum Sterben hinlegt, mit leicht schrägen Charakteren bevölkert, die die geistige Anomalie der Hauptfigur relativieren. Der Krimiplot, den Rogenhagen in Gestalt einer prall gefüllten Tasche Schwarzgeld ins Familienlustspiel schmuggelt, wirkt hingegen abgegriffen, ebenso die warm leuchtenden, aber wenig einfallsreichen Fernsehbilder der von NDR und Arte konzipierten TV- Produktion. Als leichte Kost für warme Sommerabende erfüllt „Ein Tick anders“ seinen Zweck. Bloß großes Kino darf man nicht erwarten. Martin Schwickert

Die Kurbel, Moviemento, Tilsiter-Lichtspiele, Colosseum

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