Kultur : Historienbilder der Zukunft

„Neue Rollen“ braucht das Land: Neo Rauchs große Retrospektive im Kunstmuseum Wolfsburg

Nicola Kuhn

Immer toller treiben sie es. Die Szenen werden zunehmend wilder. Kaum weiß der Betrachter sie noch auseinanderzuhalten, kaum begreift er, was hier eigentlich geschieht in dem merkwürdigen Gehäuse mit biederem Fensterausblick und Bühnenaufbau im Hintergrund. Vorne links feiern drei Handwerksburschen bei Bier, der eine steht seine Jakobinermütze an einem Stock schwenkend schon auf dem Tisch, während rechter Hand eine Mutter ihrem Sohn am Holzmodell die Folgen eines Tsunami erklärt. Im Hintergrund probt auf einer Bühne eine dreiköpfige Laienspielschar den Gang zum Schafott, wozu wiederum ein Zuschauertrio begeistert applaudiert.

Neo Rauch ist ein Verschlüsselungskünstler erster Güte, abgesehen von seiner malerischen Delikatesse. Mit dem Monumentalwerk „Neue Rollen“ (2005) – 270 mal 420 Zentimeter – hat er allerdings sein Meisterwerk abgeliefert und die Kunstwelt vor ein weiteres Rätsel gestellt. Längst hat man aufgegeben, sie zu lösen, den Zusammenhang der einzelnen Bildelemente zueinander zu klären. Der Künstler weiß es selbst kaum zu sagen, denn seine Szenarien entspringen einem eigentümlichen Zustand des Wachträumens, wie es der 46-Jährige beschreibt. Sie besitzen lediglich eine innerbildliche Wirklichkeit; zur konkreten Realität stehen sie nur in Verbindung durch Versatzstücke des Alltags und die wiederkehrende Ähnlichkeit bestimmter Figuren. Stets meint man den Künstler selbst mit seinem markanten Profil und den streng zurückgekämmten welligen Haaren wiederzuerkennen. Er ist es offensichtlich auch, der auf das wilde Geschehen im Bild prostend das Bierglas erhebt.

Aber worin bestehen die titelgebenden „Neuen Rollen“ in diesem Werk? Neo Rauch ist zugleich ein Meister der kryptischen Verweise, indem er seinen Gemälden geheimnisvoll klingende und doch schlagkräftige Bezeichnungen gibt. „Neue Rollen“, das hört sich programmatisch an nach einer Fortsetzung der intelligenten, ästhetischen Narretei, wie sie der Leipziger Maler so erfolgreich betreibt.

„Neue Rollen“ hat auch das Kunstmuseum Wolfsburg seine Werkschau mit achtzig Gemälden aus den vergangenen 13 Jahren genannt. Doch werden hier keineswegs die Karten neu gemischt, wird mit dieser bislang umfangreichsten Museumsschau das Oeuvre neu interpretiert. Stattdessen soll in dem Hype um die phänomenalen Markterfolge Neo Rauchs und der Hysterie um die neue Malerei „made in Germany“ die Bildbetrachtung selbst ins Zentrum rücken. Auf einmal ist die Institution Museum in dem Rollenspiel Kunstbetrieb wieder gefragt, nachdem sich das Geschehen in den letzten Jahren allein zwischen Atelier, Galerie und Privatsammler abzuspielen schien. Das Kunstmuseum Wolfsburg übernimmt also einen eher veralteten Part. Den spielt es allerdings bravourös, indem es zumindest vorübergehend die Bildproduktion Neo Rauchs dem Warenkreislauf enthebt.

„Ende“ steht auf dem allerersten Bild in den luftig blauen Himmel über einer Miniaturlandschaft geschrieben. Und doch steckt alles drin. Die einzelnen Buchstaben verschlingen in sich rote, gelbe, weiße, blaue (Kabel-)Stränge. Das hat fast Magritte’sche Qualität, denn der Künstler spielt hier figurative und abstrakte Malerei gegeneinander aus und konfrontiert den konkreten Begriff mit einer gerade eben erst im Bild erzeugten Illusion. Dieser Zusammenstoß besitzt leitmotivische Funktion für den weiteren Ausstellungsverlauf, denn immer wieder entdeckt man nun die Auseinandersetzung dieses wohl prominentesten Vertreters figurativer Malerei mit der Abstraktion. Erst jüngst hatte er sich in einem Interview gegen die Gilde der Nicht-Gegenständlichen in Stellung gebracht, indem er deren Schaffen für simpel erklärte. Ein alter Kampf ist damit neu entflammt.

Woher bei Rauch der Furor kommt, beginnt man anhand seiner frühen Arbeiten zu erahnen, in denen reine Farbpassagen mit Fetzen der Wirklichkeit – Sterne, Schrauben, Ventilatoren – um das Platzrecht im Bild zu ringen scheinen. Der produktive Streit ist bei Rauch zwar längst entschieden, doch findet sich bis heute in jedem Bild von ihm mindestens eine Zone, in der er der reinen Farblust frönt. Für den Betrachter wäre es deshalb umso interessanter gewesen, wenn die Werkschau nicht erst 1993 einsetzen würde, dem Jahr, mit dem nach Ansicht des Künstlers erst die „gültigen“ Bilder entstehen.

Hier hat sich das Museum vom Maler das Heft aus der Hand nehmen lassen, statt die Vorgeschichte eines klassischen Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst vollständig zu erzählen. Die anderen Jungstars der „Neuen Leipziger Schule“, als deren Ziehvater Neo Rauch unfreiwillig gilt, hatten kaum dieselben Konflikte zu bestehen inklusive künstlerischer „Vatermord“ am Vorbild Lehrer und zunächst völliger Ausgrenzung auf dem Marktgeschehen.

Zu Recht beansprucht Rauch heute eine völlig eigenständige Position für sich. An Komplexität der Handlungsstränge, Bildaufbau, Virtuosität der Malerei reicht ihm keiner der anderen Vertreter das Wasser, geschweige dass sie ein solches Oeuvre vorweisen könnten. Der Künstler bringt eine DDR-Lebenserfahrung mit, eine mystisch-sinistre Sinnlichkeit, die gerade bei amerikanischen Sammlern gefällt. Die Wolfsburger Ausstellung verrät schnell, wie Rauchs künstlerisches Denken funktioniert, nach welchen Prinzipien er die Bildräume miteinander verschränkt, welchen widersinnigen Tätigkeiten er seine Personnage aussetzt, aus welchen Arsenalen der Moderne er die Architekturelemente, die Arbeitsinstrumente seiner tumben Gesellen rekrutiert.

Die Ausstellung zeigt aber auch, wie sich der Maler in seiner Bilder-Schattenwelt stets neu stimuliert. Wiederkehrendes Motiv ist der Künstler in seinem Atelier von dicken Farbwülsten und -lachen umgeben, dann wieder mit Farbgewehr unterwegs oder schlafend im Federbett, während sein Traum Kobolde gebiert, die mit Farbkellen um sich werfen. Neo Rauch malt moderne Historienbilder, deren tieferer Sinn zwar verschlossen bleibt, deren Stimmung aber dennoch eine allgemeine Befindlichkeit trifft. Von „Neuen Rollen“ ist schließlich immer wieder auch in Politik und Gesellschaft die Rede. Und da weiß auch keiner so recht, wer diese neuen Rollen spielt und wie. Rauchs Bilder geben davon wenigstens eine Idee.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 11. März; Katalog (DuMont Verla g) 28 Euro.

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