Kultur : Historiker basteln an einem gesamtdeutschen Geschichtsbild

Robert Ide

Die deutsche Nachkriegsgeschichte hat eine Besonderheit: Sie besteht aus zwei Nachkriegsgeschichten. Die geteilten Erfahrungen von Ost und West finden trotz intensiver Debatten nur schwer zueinander. Knapp zehn Jahre nach dem Mauerfall stehen sich die Geschichtsbilder und deren Vertreter oft unversöhnlich gegenüber. Einen neuen Versuch, das Puzzle der Erinnerungen zusammenzufügen, unternimmt das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung. In einem Sammelband, der die Ergebnisse einer Historikertagung vom vergangenen Herbst vorstellt, werden deutsch-deutsche Parallelen ausgelotet.

Das Buch zeigt Perspektiven einer gemeinsamen Geschichtsschreibung auf, stößt aber auch an deren Grenzen. Die Diskussion um die geteilte Geschichte begann mit dem Ableben des Sozialismus. Sofort stürzten sich Wissenschaftler auf die Leiche DDR, um sie öffentlich zu sezieren. Unter starker Anteilnahme des Publikums wurden Krankenakten gewälzt und Todesursachen zu Tage gefördert. Doch nicht alle Überlebenden hatten Lust auf eine "Abrechnung mit moralischen Werten", wie es Bernd Faulenbach in seiner Einführung formuliert.

Viele Erben solidarisierten sich nachträglich mit dem toten Patienten und begannen, auf westdeutsche Ärzte zu schimpfen. Die Debatte über die Vergangenheit mündete in Schuldzuweisungen. Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht Faulenbach in "differenzierteren Urteilen". Der Bochumer Politologe plädiert dafür, nicht allein das diktatorische System der DDR zu analysieren, sondern auch den "Eigensinn" des Alltagslebens.

Einfach ist die Trennung von Staat und Gesellschaft jedoch nicht. Das verdeutlichen Beiträge im zweiten Teil des Buches, die der Legitimität beider Staaten gewidmet sind. Laut Sigrid Meuschel basierte die Akzeptanz des westlichen Systems auf dem Erfolgsmix aus Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaat. Die Ostdeutschen mussten sich dagegen mit ökonomischen Mängeln herumschlagen, wobei die "politische Sozialisation an Wirkungskraft verlor". Das enttäuschte Volk flüchtete scharenweise in private Freiräume oder ins Ausland.

Die Stärke vieler Aufsätze liegt darin, dass sie deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten aufzeigen. Dazu gehörten begrenzte außenpolitische Spielräume und der beiderseitige Systemwettbewerb, aber auch die Zusammenarbeit der Kirchen. Einen besonders interessanten Ansatz gemeinsamer Geschichte präsentiert Dorothee Wierling mit ihrer Untersuchung der 68er Generation in Ost und West. Die spärlichen Proteste der DDR-Jugend gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag erklärt sie mit gesellschaftlicher Einbindung. Permanenter Anpassungsdruck verhinderte ein Aufbegehren, während im Westen notwendige Veränderungen an die 68er "delegiert" wurden.

Der Abschlussteil des Buches mit dem Titel "Verarbeitung und Reflexion der geteilten Vergangenheit" enttäuscht. Anstatt auf vorherigen Inhalten aufzubauen, versteigen sich einige Autoren zu Polemiken. So kritisiert Mary Fulbrook die nach 1989 stark diskutierte Totalitarismustheorie als "Werkzeug der politischen Anprangerung".

Lutz Niethammer von der Universität Jena betrachtet die bisherige DDR-Forschung sogar als "antikommunistische Geschichtspolitik durch Westdeutsche und Stasiopfer". Solche Töne dienen nicht unbedingt einer gesamtdeutschen Geschichtsschreibung. Sie machen allerdings deutlich, dass manche Teile des deutschen Puzzles noch nicht zusammenpassen.Christoph Kleßmann, Hans Misselwitz, Günter Wichert (Hrsg.): Deutsche Vergangenheiten - eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte. Chr. Links Verlag, Berlin 1999. 338 Seiten. 38 DM.

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