Kultur : Historiker Bogdan Musial kritisiert falsche Zuordnung von Fotos

KM

Der Historiker Bogdan Musial hat schwere Vorwüfe gegen das Hamburger Institut für Sozialforschung erhoben, dessen viel beachtete Ausstellung, "Vernichtungskrieg". Verbrechen der Wehmacht 1941 bis 1944" seit 1995 für heftige Diskussionen um die Beteiligung der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen des Dritten Reichs gesorgt hat. Die Ausstellungsmacher um Hannes Heer hätten mindestens neun Bilder ermordeter Zivilisten falsch zugeordnet, beschreibt Musial in der neuesten Ausgabe des "Vierteljahreshaftes für Zeitgeschichte". So seien die abgebildeten Toten vermutlich nicht der Wehrmacht, sondern dem sowjetischen Staatssicherheitsdienst, NKWD, zum Opfer gefallen, als dieser sich überstürzt aus der Westukraine habe zurückziehen müssen. Da den sowjetischen Truppen für die Beseitigung der Leichen keine Zeit mehr blieb, habe die Wehrmacht Leichenberge vorgefunden und als Gräueltaten des Kriegsgegners festgehalten. Durch die Bildunterschriften sei jedoch fälschlicherweise der Eindruck erweckt worden war, dass Soldaten der Wehrmacht sich triumphierend vor den von ihnen erschossenen Zivilisten ablichten ließen. Da es sich um exhumierte Leichen handele, seien die deutschen Soldaten Zuschauer, nicht Täter.

Zu dieser Einsicht ist Musial nach Sichtung von Archivmaterial gelangt, in dem die sowjetischen Verbrechen im Sommer 1941 dokumentiert sind. So könne man Fotografien, die der Ausstellungskatalog ohne Angaben von Zeit und Ort zur Illustration von Wehrmachtsverbrechen heranzieht, jetzt genau datieren. Das Institut für Sozialforschung räumt ein, dass es zu Verwechslungen gekommen sein könnte. "Es ist nicht üblich, die Bildlegenden der Archive zu überprüfen", erläutert Hannes Heer und verspricht, die umstrittenen Bildzeugnisse nach entsprechender Prüfung zu entfernen. "Wir sind ein Risiko eingegangen, denn wir wollten Fotos nicht als Illustration, sondern nur dann verwenden, wenn sie mit den im Katalogtext beschriebenen Vorgängen in direktem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang stehen. Die anhaltenden Diskussionen zeigen, dass es sich gelohnt hat."

Indessen glaubt Musial, dass es bei weiteren Fotos fehlerhafte Zuschreibungen gegeben habe. Da es um "sehr aussagekräftige Fotos" gehe, auf denen die Ausstellungsmacher trotz ungenügender Quellenangaben ihre Beweisführung gründen würden, sieht Musial die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit der Wehrmachts-Ausstellung insgesamt in Frage gestellt. Solche Vorwürfe weist Heer zurück: "Wir befinden uns in einem fortgesetzten Klärungsprozess und haben bereits 15 Bildzuschreibungen aufgrund kritischer Interventionen präzisieren können."

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