Historikerstreit fällt aus : Das NS-Regime bleibt einzigartig

Auf dem Weg zu einem "geschichtspolitischen Relativismus" sieht der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann die Bundesrepublik. Unter dem alten, längst überholten Konzept der Totalitarismustheorie sieht er DDR und Drittes Reich auf eine Stufe gestellt. Die himmelweiten Unterschiede zwischen den beiden Systemen würden in dem Wort von den "zwei deutschen Diktaturen" unzulässig eingeebnet.

Bernhard Schulz

Die jüngere deutsche Vergangenheit bleibt Gegenstand heftiger Kontroversen. Da es mittlerweile auch um erhebliche öffentliche Gelder geht, die für die Geschichtsaufarbeitung und –darstellung zur Verfügung stehen, liegt der Verdacht nahe, es werde Geschichtspolitik betrieben – durch eine parteiische Brille, versteht sich. Eine solche meint der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann ausgemacht zu haben, was die Beschäftigung mit der DDR angeht. Er spricht von einer „Nivellierung“ der Betrachtung von NS-Diktatur und DDR, werde „doch landauf, landab ständig von der ,zweiten deutschen Diktatur‘ gesprochen, wenn die DDR gemeint“ sei. „Insgesamt scheint es zu einem vergangenheitspolitischen Paradigmenwechsel gekommen zu sein“, resümiert Wippermann und spricht von einer „Dämonisierung der DDR, die wiederum mit einer Relativierung des Dritten Reiches verbunden ist“.

Die Zitate stammen aus Einleitung und Zusammenfassung von Wippermanns neuem, vom Autor selbst am gestrigen Dienstagabend in der Berliner „Urania“ vorgestellten Buch „Dämonisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich“. Was dazwischen auf knapp 120 Seiten steht, ist die Ausführung der Kernthese von der Unvergleichbarkeit, besser noch vom Verbot jeden Vergleiches zwischen diesen beiden Staatssystemen auf deutschem Boden. Denn Wippermann, nach eigener Aussage Kind tiefbrauner Eltern, wittert überall „geschichtspolitischen Revisionismus“. Das ergibt in seiner Sicht ein übles Zusammenspiel von Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“, Forschungsverband SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Gauck-Behörde und vor allem Hubertus Knabe, den Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Ihn im Besonderen hat Wippermann auf dem Kieker, wie im Allgemeinen jegliche Art von Totalitarismustheorie. Dabei schwankt er in der Begrifflichkeit: Mal gibt es für ihn überhaupt keinen sinnvollen Begriff von Totalitarismus, dann wieder ist es die DDR, die er von diesem Begriff ausnimmt. Schlussendlich sieht er in allen Versuchen, die DDR in irgendeinen gedanklichen Kontext zum NS-Staat zu bringen, nur den Antikommunismus als „die Staatsideologie der alten Bundesrepublik, die sie im Zuge der Entspannungspolitik aufgeben musste“. Ob Wippermann da Ideologie und Realpolitik verwechselt?

Zu einem neuerlichen Historikerstreit - wie Ende der achtziger Jahre und damit kurz vor dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes der Streit über die Vergleichbarkeit von Stalinismus und NS-Regime – taugen Wippermanns Kassandrarufe jedoch nicht. Die ideologische Schärfe, die den Streit von 1986 – wie auch den um das französische „Schwarzbuch des Kommunismus“ – als Teil des Ost-West-Konflikts kennzeichneten, ist heute verbraucht. Während Knabe und Konsorten vor der Verharmlosung der DDR warnen, sieht Wippermann die Einzigartigkeit des NS-Regimes begrifflich bedroht. Erst am Schluss seiner Buchvorstellung, die die Thesen – wie auch die Gehässigkeiten – seines Buches zusammenfasste, räumte Wippermann ein, sich „vielleicht tatsächlich mit dem  Stalinismus zu wenig beschäftigt“ zu haben. Aber, halber Rückzieher: der sei ja auch nicht „unsere“ Geschichte – als ob Historiker allein die Geschichte des eigene Landes betrachten dürften! Immerhin, auch das räumt Wippermann ein, solle man vielleicht nicht von der „Singularität“ des NS-Regimes – was begrifflich die Unvergleichbarkeit zur Voraussetzung hat -, sondern von „Besonderheit und Monstrosität der NS-Verbrechen“ sprechen. Genau das aber wird von niemandem bestritten, auch nicht von denen, die Wippermann des „Relativismus“ bezichtigt. So entpuppt sich der Warnruf Wippermanns als Attacke eines älter gewordenen Linken, der zwanzig Jahre nach dem Mauerfall noch immer nicht damit ins Reine gekommen ist, dass die DDR ein Gegenstand historischen Interesses geworden ist, einschließlich aller möglichen und unmöglichen Vergleiche, die anzustellen zur Arbeit des Historikers gehört. Weil er anders nicht zu bedenkenswerten Urteilen gelangen kann.    

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