Historische Mitte : Renaissance der Bürgerstadt Berlin

Zwischen dem Roten Rathaus und dem Fernsehturm herrscht gähnende Leere. Für die Vollendung der Vereinigung braucht es eine Vision für das historische Zentrum Berlins.

Klaus Hartung
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Die große Brache. Zwischen Rotem Rathaus und Fernsehturm, im Rücken des künftigen Stadtschlosses, herrscht gähnende historische...

Es ist eine der Eigenschaften Berlins, die Identität im Paradox zu suchen: So wird sich ausgerechnet die große Leere, die sich in der Mitte auftut, in einen Imperativ historischer Erinnerung verwandeln. Seit dem Abriss des Palasts der Republik ist das urbane Vakuum, das zwischen Kronprinzenpalais und Fernsehturm immer schon da war, nun auch sichtbar. Da degeneriert das Panorama der Stadt zur Randerscheinung. Die radikale Negation der Stadtgeschichte, die um der Staatsachse der DDR willen geschah, kann nun endlich als tiefe Wunde erlebt werden. Das verlorene Ganze tritt hervor, der mittelalterliche Quellgrund der modernen Metropole, also das, was so ganz und gar verloren schien, so dass nicht einmal der Verlust empfunden wurde. Nun spiegelt dieses negative Stadtbild zugleich die kollektive Amnesie wieder. Es schult den kritischen Blick auf den Status quo, zwingt zur Suche nach dem vergessenen Mittelalter.

Da nun auch noch die zentrale Stadtwüste durch Baugruben der U-Bahn vor dem Roten Rathaus verschlimmert wird, fühlt sich endlich die Politik provoziert. Der Regierende Bürgermeister, der bisher ja eher den Status quo als Lebensform feierte, verweist plötzlich zustimmend auf die „Fachdebatte“ zur Rekonstruktion der Altstadt. Kulturstaatssekretär André Schmitz, der Motivator im Hintergrund, spricht mit strategischer Absicht von der Notwendigkeit der „Rückgewinnung der Keimzelle der Stadt, ihres eigentlichen Geburtsortes“. Auch der ehemalige Finanzsenator Thilo Sarrazin hat zum Abschied ein paar schöne Brocken Klartext hinterlassen. Er begrüßt die Rekonstruktion des mittelalterlichen Kerns rund um die Marienkirche und auf dem Marx-Engels-Forum, denn „das kostet dem Haushalt kein Geld, sondern würde ihm etwas bringen.“ Schließlich handele es sich um "extrem wertvolles Bauland." Ohne ideologische Scheuklappen blickte Sarrazin aus seinem Bürofenster und konstatierte: „Vor dem Roten Rathaus stehen ein paar Würstchenbuden und ein paar verwehte Bäume. Das ist kein urbaner Anblick.“

All das spricht dafür, dass die Rekonstruktion der Altstadt auf die politische Agenda kommen könnte. Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat jetzt zusammen mit den Architekten Bernd Albers, Ulla Luther und Tobias Nöfer Konzeptionen und Computeranimationen einer historischen Bebauung des mittelalterlichen Marienviertels vorgelegt („Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“, DOM-Publishers, siehe Tagesspiegel vom 24. Mai). Mögen solche konkreten Konzepte zunächst nur Polemiken zeitigen, so bringen sie doch den historischen Grundriss mit Macht ins Spiel. Außerdem tauchen in der Stadtwüste neue Akteure auf: Die neue Einheitsgemeinde von St.Marien und St.Petri engagiert sich und hat sich für den Kirchenneubau von St. Petri in Alt-Cölln entschieden – eine Sensation im atheistischen Berlin.

Vor allem die Senatsbauverwaltung hat eine neue Aktualität gesetzt. Sie plant – leider hinter dem Rücken des Bürgers – die Rekonstruktion des mittelalterlichen Molkenmarkt- oder Klosterviertels. Wenn jetzt die Linke ihren absurden Kampf um den menschenleeren Platz vor dem Stadthaus aufgibt – den sie für ein Manifest der DDR-Moderne hält, obwohl es nur das Altstadtforum der Nazis ist – , dann kann Anfang 2010 der Bebauungsplan aufgelegt werden und der Parzellenverkauf beginnen. In dem Moment, in dem auch der normale Bürger innerstädtische Parzellen bebauen kann, wäre das Zentrum nicht mehr Staats- oder Großinvestoren-Angelegenheit, sondern Bürgersache. Das bürgerschaftliche Engagement bekäme eine völlig neue Dynamik. Wenn dann statt des lärmenden Autobahnkreuzes zwischen dem Roten Rathaus und dem Stadthaus wieder Hausreihen mit Arkaden und schmalen Straßen entstehen, wenn mit der Wiederherstellung des Großen Jüdenhofs „stille Orte im Brausen der Großstadt“ (Franz Hessel) locken, kann es passieren, dass der Berliner demnächst überrascht auf ein geschlossenes Stadtbild blickt, wo vorher nur eine heterogene Verkehrswüste war. Diese Visionen und Planungen stehen in der Logik der Stadtplanungsgeschichte seit den 80er Jahren, von der „Behutsamen Stadterneuerung“ bis zum „Planwerk Innenstadt“, das jetzt sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Im Prinzip hat Berlin den historischen Stadtgrundriss als das eigentliche Textbuch oder Quellcode der Stadt anerkannt.

Jetzt aber zeichnet sich ein Projekt ab, dessen Größe und Großartigkeit in Europa seinesgleichen sucht. Es ist ein doppeltes Ziel: Mit dem Engagement des Bundestags ist der Wiederaufbau des Stadtschlosses und mithin die Vollendung des barocken und klassizistischen Spreeathen zur nationalen Aufgabe geworden. Mit der Rekonstruktion des historischen Zentrums wiederum würde Berlin zudem die Wiederkehr der Bürgerstadt mit ihrer mittelalterlichen Identität beisteuern. Und die Grundsteinlegung des Schlosses könnte zeitlich mit dem Baubeginn im Molkenmarktviertel zusammenfallen. Nichts weniger als die Renaissance Berlins in der vollen Strahlkraft des Wortes ist nun möglich.

Dabei ist die Wiederherstellung der Residenzstadt und der Bürgerstadt alles andere als eine Flucht in die Vergangenheit. Es ist eine völlig neue Wendung in der Stadtgeschichte. Denn zum ersten Mal würde die Bürgerstadt, die von der Bürgerschaft auf rüde Art immer nur als lästiges Hindernis behandelt wurde, nun einen gleichen Rang gegenüber der Residenzstadt erhalten. Es ist ein Renaissance-Projekt, das die Grand Projets eines Pompidou oder Chirac in den Schatten stellen dürfte.

Aber gerade die Großartigkeit der Vision lässt zweifeln. Zu groß scheint die Spannweite zwischen dem deprimierenden Status quo der zentralen Wüstenei und der Idee der Wiederkehr des historischen Zentrums zu sein. Die Entwürfe scheinen in der großen Leere zu rotieren. Die skeptischen Reflexe des Berliner Kleinmuts entspringen der historischen Erfahrung, dass das Pathos der Größe immer teuer bezahlt werden musste.

So muss man fragen, ob ohne eine engagierte Bürgerschaft die Rekonstruktion der Bürgerstadt vorstellbar ist. Die Aufgabe, mit moderner Architektur historische Identität und Erkennbarkeit herzustellen, fordert per se den intensiven Streit der Bürger über Schönheit und Geschichte – bis ins Detail. Aber noch immer sind die Berliner eher Bevölkerung als Bürger. Zwar würde ein bürgerschaftliches Engagement wohl allmählich mit den Projekten heranreifen, aber die Zeit, die das braucht, fehlt – denn die Senatsbauverwaltung arbeitet ja schon am Molkenmarkt.

Genau hier beginn die Aufgabe der Politik, die großen Ziele und Chancen zu benennen. Aber schon wieder hakt die Phantasie: Die SPD will nicht wegen der Linken, vorausgesetzt, sie versteht das Planwerk Innenstadt; die Linke will nicht wegen der heiligen DDR-Moderne; die CDU schaut auf den ADAC und die Grünen beten ihr Mantra „mehr Grün“.

Immerhin klar ist dies: Die Stadt sollte sich schnell von dem Berlinbild verabschieden, das die Not der Spaltung gebar. Leider kultiviert noch immer ein intellektuelles juste milieu die Rede von der „Stadt ohne Form“ (Phillip Oswalt), von der ach so produktiven „Unfertigkeit Berlins“ (Volker Hassemer), von den Segnungen des Fragmentarischen. Dieser Kult der Widersprüche als dem wahren Potential Berlins wurde in Akademien, im Architektenbund, in der Tagespresse, an den Hochschulen seit 40 Jahren gepflegt. Er kulminiert im „Be Berlin“-Slogan als der verquaste Narzissmus des Status quo.

Auch die Verteidiger der DDR-Moderne sollten sich nicht darauf versteifen, in der Renaissance des historischen Zentrums den ultimativen Angriff auf die realsozialistische Erbschaft reflexartig zu wittern. Die gebauten Schichten werden erkennbar bleiben, Es wird keine widerspruchsfreie Altstadtillusion entstehen, denn die DDR-Bauten, die elfstöckigen Plattenbauten entlang der Liebknechtstraße und am Roten Rathaus werden nicht abgerissen. Vielleicht wird auch die Linke akzeptieren können, dass die überdimensionierten Flächen für Repräsentation und Verkehr zu Recht verschwinden, schließlich haben sie sich durch ihre notorische Hässlichkeit und Menschenleere als Irrtum erwiesen. Doch bislang hütet der Lordsiegelbewahrer der DDR-Moderne, der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl, das Erbe. Er schaffte es, einen Randbau zur historischen Umfassung des Spittelmarkts zu streichen, weil er den „freien Blick“ auf die Plattenbauhochhäuser der Fischerinsel verwehre. Auch das ist Stadtplanung in diesen Tagen.

Doch die große Vision ist formuliert: eine Innenstadt, in der man vom Hackeschen Markt bis zur Stralauer Straße flanieren könnte, in der gewohnt würde, die Menschen anzieht, die stille Winkel bietet, in der es keinen Durchgangsverkehr mehr gibt. Der Berliner ist gleichwohl aufgefordert, sein Pensum Heimatkunde nachzuholen. Ohne die Verdichtung mit historischem Wissen und Detailkunde wird die Vision erstarren. Dass es ohne historische Erinnerung keine Zukunft geben kann, ist gottlob hinsichtlich der nationalsozialistischen Vergangenheit allgemeiner Konsens. Es gilt aber für die Geschichte überhaupt. So ist es an der Zeit, endlich eine große Ausstellung über das Berliner Bürgertum und seine Stadt zu organisieren, statt mit einer Senatsversion des Mittelalters die Bürger vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Mit der Rekonstruktion des mittelalterlichen Stadtzentrums würde die Vereinigung der Stadt vollendet. Denn in der inneren Stadtgeografie steht die Mauer noch: Das Zentrum, sagen West- wie Ostberliner, gehört zu Ostberlin. Mithin ist die kollektive mental map geteilt. Nach dem Mauerfall war die Vereinigung Staatssache, Sache des Bundeslandes Berlin, nicht aber der Stadt selbst. Die Vereinigung des städtischen Gewebes steht bis heute aus. Jetzt gilt es einzulösen, was am 9. November auf den Straßen Berlins gefeiert wird: Die Rückkehr der Berliner in die eine gemeinsame Stadt, die ein historisches Zentrum hat, das allen gehört.

Franco Stella, der scheue Architekt aus der Palladio-Stadt Vicenza hat mit seinem Entwurf zur Schloss-Rekonstruktion eine leise Provokation formuliert. Er hat die Stadtseite als ein Belvedere mit Loggien ausgestaltet. Bei normaler Wetterlage mit Regen und Wind würde das Belvedere zum Malvedere, zum Ausblick in die entfesselte Trostlosigkeit eines von der Fantasie verlassenen Stadtraums. Man würde sehen, wie die Betontatzen des Fernsehturms nach der halb versunkenen Marienkirche greifen, man würde auf die Rückseite von Marx und Engels blicken und auf Sarrazins Würstchenbuden. Die Zeit ist reif, dass die höfliche Kritik Stellas ernst genommen wird.

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