HIT Parade : Azad & Gentleman

Diese Woche auf Platz 49 mit: „Zeit zu verstehen“

Sebastian Handke

Als Gentleman im letzten Jahr beim Konzert gegen Gewalt auftrat, hatte er das Gefühl, als singe er gegen eine Wand an: „Zum ersten Mal war ich mir nicht mehr sicher“, gab er später konsterniert zu Protokoll, „ob ich junge Leute noch erreiche.“ Denn die waren gekommen, um den düsteren Aggro-Hopper Bushido zu hören. Mit den lichtdurchfluteten Botschaften Gentlemans war da offenbar kein Staat zu machen.

Jetzt hat sich unser größter Reggae- Im- und Exporteur mit einem der härtesten Hiphop-Jungs zusammengetan, wobei man sich allerdings fragen muss, wer hier eigentlich bei wem Anschluss sucht. „This can’t be everything“, gibt Gentleman im Refrain zu bedenken. „Find another song to sing.“ Diesen Rat hat sich Azad offenbar zu Herzen genommen: früher spuckte er als „Der Bozz“ wüste Beschimpfungen ins Mikro und prügelte sich auf offener Bühne. „Ich brauch’ kein Liebeslied, ich brauch’ ’nen deepen Beat“, so reimte er damals noch.

Nun aber lässt sich die „Faust des Nordwestens“ mit folgendem Säuselvers vernehmen: „Ich wünsche dir Liebe und Glück, Gesundheit auf deinem Weg / Gott hat sie gemacht, doch das bist du, der die Weichen legt.“ Das klingt so schauerlich, wie es sich liest. Als Klangteppich muss einmal mehr die berühmte Klavierstelle aus Isaac Hayes’ „Ike’s Mood“ von 1970 herhalten – das Softie-Sample schlechthin, vielfach verbraucht bei Mary J Blige, Nas, LL Cool J, Massive Attack und so weiter.

Gentleman hat sich hier durchgesetzt wie der Saboteur im Feindeslager: Azad klingt, als habe er dessen perlende Erweckungslyrik ins Dunkeldeutsche übertragen wollen. Das Ergebnis ist seicht und grobschlächtig zugleich, mit einem Wort also: unhörbar. Wenn das eine Strategie sein sollte, dann wirkt sie effektiver als jedes Verbot.Sebastian Handke

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