HIT Parade : Jan Garbarek Group

Diese Woche auf Platz 22 mit: „Dresden“

Ralph Geisenhanslüke

Jan Garbarek – bei diesem Namen denken manche Menschen an nach Farben geordnete Suhrkamp-Bücher, an den Innerlichkeits-Kult der späten Siebziger, vielleicht auch an Gottesdienst-ähnliche Konzerte, bei denen der norwegische Saxophonist mit seinem Instrument immer neue Gipfel der Empfindsamkeit erklomm. Doch schon die ersten Takte kicken alle Klischees lässig zur Seite. Der Schlagzeuger Manu Katché legt mit einem Tempo von geschätzten 160 bpm los, rödelt fabulierlustig über die Tom-Toms und dann hebt Garbarek mit dem Sopran ab zu einem Steigflug, der den Wind geradezu aus den Lautsprechern blasen lässt.

So frisch und überschäumend klingen seine Melodien, als wolle er in wenigen Minuten sein gesamtes Lebenswerk durchmessen, von den Anfängen im Free Jazz, über die Folklore seiner Heimat bis zur elektronischen Gegenwart, in die auch der Keyboarder Rainer Brüninghaus und der Bassist Yuri Daniel ihre Energie einspeisen. Ein paar Jahrzehnte Erfahrung sind das, mal eben so in einem Stück.

Die Rede ist vom Live-Mitschnitt eines Quartetts, das im weitesten Sinne unter Jazz eingeordnet wird, entstanden 2007 in Dresden. Dass ein solches Album im oberen Bereich der Charts ankommt, zeugt von Garbareks Stellenwert, der in den neunziger Jahren besonders in Deutschland durch die sakralen Aufnahmen mit dem Hilliard-Ensemble gewachsen ist. Garbarek, einer der geistigen Väter des europäischen Jazz, hat sich seinen eigenen Klangkosmos erschaffen, in dem vor allem ein Gesetz gilt: die beständige Suche nach Neuem.

Das ihm dabei zur Seite stehende Raumschiff ist das seit 40 Jahren existierende Münchner Label ECM. „The most beautiful sound next to silence“ – dieses Motto hat sich der Begründer Manfred Eicher gesteckt und bis heute in über 1000 Alben bewahrheitet. ECM ist längst zum Prinzip der glücklichen Entgrenzung übergegangen. Jazz, Avantgarde, Weltmusik, E- und U-Musik – was sollen solche Worthülsen? Es geht um Musik. Und der ist Garbarek treu geblieben, seit er 1961 zum ersten Mal im Radio John Coltranes „Giant Steps“ hörte. Sollen die Leute ihre Bücher doch ins Regal stellen wie sie wollen.

Ralph Geisenhanslüke

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