HIT Parade : Placebo

Diese Woche auf Platz 1 mit: „Battle For The Sun“

Ralph Geisenhanslüke

Ein Placebo, sagt das Lexikon, ist ein medizinisches Präparat, das keinen Wirkstoff enthält, aber oft eine positive Wirkung hat. Der Glaube kann heilen. Das wussten die Menschen schon, als sie noch versuchten, dem menschlichen Gebrechen durch Besprechen beizukommen. Platon fand es okay, den Patienten zu belügen und ihm gute Genesung zu prognostizieren. Sogar jemand, dem man eine Knie-OP vorgaukelt, kann schmerzfrei werden. Placebos stehen im Ruf, Mogelpackungen zu sein. Dabei helfen sie, indem sie den Anstoß zu positivem Denken geben. Als Placebo kann praktisch alles dienen. Auch Musik.

Im engeren Sinne, weil Musik häufig eine Entspannungsreaktion oder die Ausschüttung von Endorphinen auslöst. Im weiteren Sinn, weil manche Musik nur Musik zu sein scheint, tatsächlich aber keine Wirkstoffe enthält. Mit medizinischen Assoziationen hat das in London gegründete Kollegium um den Sänger Brian Molko natürlich immer gespielt. Zum einen waren da die Selbstexperimente im Bereich der Pharmazie. Zum anderen die Heilungsversprechen, die von ihren wohlig-dramatischen bisexuell angegrufteten Songs ausgingen.

Der Ich-Erzähler befindet sich in den Texten von Placebo häufig in psychosozial instabilem Zustand. So auch beim aktuellen Hit „For What It’s Worth“, in dem es immer wieder heißt: „Got no friends, got no lover.“ Die stimmungsaufhellende Wirkung des Songs hat durch Dauergabe über die üblichen Radiowellen schon etwas nachgelassen. Doch für Placebo selbst scheint die Therapie weiterhin gut anzuschlagen. Trotz der Praxisgebühr von durchschnittlich 10 bis 15 Euro ist die Schallwellengabe für viele ihrer Patienten derzeit das Mittel der Wahl. Was der Band mit dem sechsten Album in 13 Jahren erstmals einen ersten Platz in den deutschen Album-Charts einbringt. Und das wohlgemerkt aus eigener Kraft, ohne Vertrag mit einem Major-Label.

Auch wenn sie die Pathos-Dosis abermals gesteigert haben und sich die Gabe orchestraler Streichersätze verordnet haben – von einem „slow motion suicide“ sind Placebo weit entfernt. Gute Worte sind eben manchmal wirkungsvoller als Pillen. Falls Molko und Kollegen wider Erwarten rückfällig und durch Abusus narkotischer Wortbildungen auffällig werden sollten, empfiehlt sich die Hinzuziehung von Kapazitäten auf dem Gebiet des positiven Denkens. Prophylaktisch schreiben wir mal eine Überweisung an Die Ärzte. 

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