HIT Parade : Schnuffel

Diese Woche auf Platz 1 mit: „Kuschel Song“

Ralph Geisenhanslüke

Der Bundesverband Musikindustrie wittert Frühlingsluft: Es gebe wieder mehr Jugendliche, die bereit sind, einen Teil ihres Taschengeldes für Musik abzuzweigen. Insgesamt sei der Anteil von 11,5 Prozent im Jahr 2006 auf 13,3 Prozent im Jahr 2007 gewachsen, frohlockt der Verband. Ohne die Freude darüber dämpfen zu wollen – gerade mal 13 Prozent der Jugendlichen sind überhaupt bereit, für Musik zu bezahlen. Wer sind sie? Handelt es sich um Kleinstkinder, die technisch noch nicht versiert genug sind, einen Song zu kopieren? Diese Vermutung legt zumindest der Erfolg von Schnuffel nahe.

Der „Kuschel Song“ klingt, als wäre DJ Ötzi mit den Teletubbies im Studio gewesen. Ein Kirmes-Techno-Beat, ein hochgepitchtes Kinderstimmchen, das war’s. Im Video tut Schnuffel, der virtuelle Interpret, nicht mehr, als katatonisch dazusitzen und eine Möhre zu liebkosen. Jamba weiß: Tiere gehen immer. Welch grauenhafte Kreaturen sind nicht schon aus den Laboren des Marktführers in Kreuzberg gekrochen. Frösche, Nashörner, Ratten, Kühe. All diesen glubschäugigen Comicwesen wird regelmäßig die Pest an den Hals gewünscht. Denn nerviger als Klingeltöne ist nur noch die Werbung dafür. Auf TV-Musikkanälen sind zeitweise bis zu 90 Prozent der Werbezeiten für Klingeltöne gebucht. Kein Wunder, dass ein MTV-Moderator dem Mümmelmann in seinem Blog bereits eine „Ladung Schrot in der Fresse“ verpasste.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Klingelton auf Platz eins der Single-Charts steht. Mit Klingeltönen werden allein in Deutschland Gewinne gemacht, mit denen man mehrere afrikanische Volkswirtschaften sanieren könnte. Was eigentlich daran erstaunt: Dass es immer noch funktioniert. Für jeden Nutzer ist es ein Kinderspiel, den Song selbst auf sein Handy zu laden. Man muss schon sehr kleine Hände haben oder sehr eingeschränkte kognitive Fähigkeiten. Sind also die (mental) Dreijährigen die letzte Hoffnung der Musikindustrie? Unkuscheliger Gedanke. Ralph Geisenhanslüke

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