HIT Parade : Scorpions

Diese Woche auf Platz 35 mit: „Humanity – Hour I“

Ralph Geisenhanslüke

Unterlassen wir jetzt mal die Frotzeleien über Hannover. Jeder muss schließlich irgendwo wohnen. Es gibt Orte, da möchte man nicht tot überm Zaun hängen, da schneidet Hannover eigentlich noch gut ab, besonders musikalisch. Wie auch an anderen als hässlich und langweilig verschrienen Städten – Mannheim etwa – scheint hier die Kreativität besonders zu blühen. Und sei es, um der Tristesse des Alltags etwas entgegenzusetzen. Von Hannover aus blickt man in die Weite der norddeutschen Tiefebene und hat Zeit für tiefschürfende Gedanken. Diese Zeit haben Klaus Meine und die Seinen genutzt.

Nach über 40 Jahren erwartet man von einer Band kaum noch Überraschungen. Als sie jung waren, spielten sie wilden Hard-Rock und auf ihren Plattencovern ging es immer irgendwie sexistisch zu. Dann wurden die Scorpions zur erfolgreichsten deutschen Band, sie begannen sich auf eben diesem Erfolg auszuruhen und bei jeder Gala dabei zu sein. Sie schienen eher Rockdarsteller als -Musiker.

Doch nun gibt es zwei Dinge am 21. Album der Scorpions, die zumindest staunen lassen. Der erste Punkt ist das Album selbst. Es handelt sich um ein sogenanntes Konzeptalbum. Das Konzeptalbum entstand mit dem Medium Langspielplatte, es verband die Stücke zu einem zusammenhängenden Ganzen. Nachdem Zappa und die Beatles es vorgemacht hatten, nahm praktisch jede Hippie-Band ein trippiges Konzeptalbum auf. Auch in Hannover huldigten früher Krautrock-Bands wie Eloy oder Jane dieser oft bedeutungsschwangeren Kunstform, die im Zeitalter des Downloads als sympathischer Anachronismus erscheint. Die Scorpions möchten sich einreihen in die Riege der Mahner. Leute, besinnt euch, sagen sie, sonst geht es bergab mit der Menschheit.

Trotzdem kann man, Punkt zwei, auch darüber staunen, dass Künstler, die im Lauf der Jahre als Expo-Hymnen-Dichter und Kanzlergattinnenlieblinge eine saturierte regierungsnahe Bräsigkeit entwickelten, noch ein Ohr für den „Wind of Change“ hatten. Sie konsultierten einen Produzenten, der ihnen wieder zeigte, wie man rockt. Desmond Child sitzt in L.A., in seinem Studio standen Aerosmith oder Meat Loaf. In Childs Studio schlägt das Herz des amerikanischen Mainstream-Rock. Jetzt schlägt es auch in der niedersächsischen Power-Ballade. Ob das ein Standortvorteil für Hannover ist, sei dahingestellt.Ralph Geisenhanslüke

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