HIT Parade : Shaggy

Diese Woche auf Platz 10 mit: „Feel The Rush“

Ralph Geisenhanslüke

Nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten bei den vielen Liedern zur Fußball-Europameisterschaft. Ein EM-Song ist wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Millionen beschränkt urteilsfähiger Menschen werden damit in Dauerschleife beschallt. Entsprechend aufdringlich gestaltet sich allein schon das Gebuhle bei den „offiziellen“ Hymnen. Der amtliche UEFA-Song ist Enrique Iglesias’ konturenlose Syntie-Pop-Nummer „Can You Hear Me“, die bislang kaum jemand hören mag. Der DFB hat hat sich diesmal für die Hamburger Band Revolverheld entschieden. „Helden 2008“ dürfte auch in Bolzplatz-Rock weniger bewanderte Menschen sehr stark an jenen Song erinnern, den die Sportfreunde Stiller vor zwei Jahren zur WM veröffentlichten. Das musikalische Äquivalent zu einer Partie Rasenschach.

Für Österreich trat Christina Stürmer ans Mikro, bei den Schweizern heißt es schlicht „Bring en hei“. Brrr. Angesichts dieser Auswahl wird klar, in welch gemütlicher Nische sich Shaggy eingerichtet hat: „Feel The Rush“ ist der offizielle Maskottchen-Song der EM, und als solcher für Merchandising und Völkerverständigung zuständig. Kein Problem also, dass Trix und Flix, die beiden Zeichentrickfiguren im Video mit dem Sänger an jamaikanischen Stränden herumtollen. Es werden bei dieser EM wohl relativ wenig schwarze Männer auf dem Platz stehen, aber es kommt auch eher aufs Multikulti-Feeling an. Shaggy hatte schon immer eine Schwäche für Ballspiele. Mit seiner tiefen rauen Stimme polierte er Ska-Klassiker wie „Oh, Carolina“ wieder auf und pries als „Mr Boombastic“ so vehement die Vorzüger üppig dimensionierter Geschlechteile, dass Mitte der Neunziger jeder Außenbezirksbefruchter Ragga und Dancehall hören musste. Damals nannte man Shaggy den bestverkaufenden lebenden Jamaikaner, was implizierte, über ihm komme nur noch der heilige Bob. Der hat zeitlebens auch gern Fußball gespielt. Shaggy hatte länger keinen Hit. Für ihn kommt der Song sicher wie ein Elfmeter. Und er muss auch nicht befürchten, dieses limonadige Liedchen könnte seinem Image als „Ladies Man“ Abbruch tun. Vielleicht beweist er, der dieses Jahr 40 wird, damit endlich auch mal pädagogische Qualitäten und qualifiziert sich für die reiferen Jahrgänge. Damit auch die endlich wissen: Shaggy ist kein Mann für nur einen Hit. Ralph Geisenhanslüke

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