HIT Parade : Steve Winwood

Diese Woche auf Platz 22 mit: „Nine Lives“

Ralph Geisenhanslüke

Dieser Mann bräuchte eigentlich keine neun Leben, er hat schon in einem genug erlebt. Man könnte ihn ähnlich wie Woody Allens „Zelig“ in verschiedenen historischen Szenen zeigen: Wie er an der Orgel sitzt, als Jimi Hendrix „Voodoo Chile“ aufnimmt, oder wie er mit Joe Cocker „With A Little Help From My Friends“ spielt, außerdem mit James Brown, Tina Turner und Dutzenden anderen. Steve Winwood wird am kommenden Montag 60 Jahre alt. Obwohl er jünger aussieht, könnte man ihn für älter halten, denn er hat knapp fünf Jahrzehnte im Musikgeschäft überlebt. Anfang der Sechziger, als der 15-Jährige bei der Spencer Davis Group einstieg, war nicht Davis der Chef, sondern dieser schmale blasse Wunderknabe, der Hits wie „Keep On Running“ oder das von ihm geschriebene „I’m A Man“ mit solcher Intensität schmetterte, dass mancher Hörer vermutete, der Sänger sei vom Schlage eines Ray Charles. Der Rest ist Geschichte: diverse Prog-Rock-„Supergruppen“ wie Blind Faith und Traffic und natürlich die Solo- Karriere. In den Achtzigern durchlebte er eine längere Vokuhila- und Jackett-Phase mit grotesken ästhetischen Ausprägungen und fiesen Synthie-Sounds. Sie gilt mit Songs wie „Higher Love“ oder „Valerie“ als seine erfolgreichste. Wie viele große Talente war Winwood immer auch bedingungsloser Zeitgenosse.

Wenn er heute auf seine Metamorphosen zurückblickt, steht jedoch wieder das gute alte Muckertum im Vordergrund. Dem Spaß am notenreichen Gefrickele frönt er hier mit alten Kumpels wie Eric Clapton. Schon Anfang der Siebziger zog Winwood sich auf ein Landgut in Gloucestershire zurück. Fast alle seine großen Hits nahm er dort im Alleingang auf. Sonntags, so lässt die Plattenfirma wissen, spielt er in der Kirchengemeinde die Orgel. Frau und Kinder sind wohlauf. Wacker und fidel also, wie ein Best-Ager aus der Kukident-Reklame. Und so klingt hier auch manches zuckrige Saxofon schon etwas nach Teestunde im Seniorenstift. Gut, bei der angestrengten Multikulti-Percussion wird vielleicht noch mal die eine oder andere Wickelrocktante wach und bei manchem Gitarren-Part zieht der Altfreak anerkennend eine Augenbraue hoch. Aber das kann einfach noch nicht alles gewesen sein.

Vielleicht sollte Winwood doch noch mal nachsehen, was in den anderen acht Leben los ist. Ralph Geisenhanslüke

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