Kultur : Hitchcock-Raritäten: Vorführungen im Filmmuseum Potsdam

Jan Gympel

Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten viele Filmverleiher, den Deutschen die Konfrontation mit der jüngsten Vergangenheit nicht zumuten zu können. Das kommerzielle Debakel von herausragenden Produktionen wie Peter Lorres "Der Verlorene" schien ihnen recht zu geben, und so wurden entsprechende ausländische Filme gar nicht erst importiert oder per Synchronisation "entnazifiziert". Selbst "Casablanca", dem berühmtesten aller Anti-Nazi-Filme Hollywoods, widerfuhr dieses Schicksal. Ein anderer Fall der Verfälschung ist Weißes Gift, hinter dem sich Hitchcocks 1945 entstandener Thriller Notorious verbirgt. Freilich hatte Ben Hecht, der nach einer Story von Hitchcock das Drehbuch schrieb, den Manipulateuren die Sache auch recht einfach gemacht, ist es doch ein Pulver, das Ingrid Bergman in Flaschen des Weinkellers entdeckt - und wer erkennt schon, ob dies nun Uran oder eine Droge darstellen soll? Nur macht die Ummünzung einer Bande von NS-Agenten zu Rauschgiftschmugglern hier nicht besonders viel aus - schließlich war die Handlung für den Briten stets nur "McGuffin", Vorwand für seine ebenso faszinierenden wie unterhaltsamen Experimente mit der Zuschaueremotion. Die äußerst seltene Gelegenheit, dies einmal zu überprüfen, bietet das Filmmuseum Potsdam am Sonnabend um 17 Uhr mit einer einmaligen Vorführung von "Weißes Gift". Zum Vergleich läuft eine originalgetreue Synchronisation von "Notorious" (heute um 22, Sonnabend um 19, Sonntag um 17 Uhr). Eine weitere Hitchcock-Rarität: das 1927 entstandene Frühwerk Downhill, eine für den "Master of Suspense" untypische Erbauungsgeschichte, in der eingefärbten Originalfassung und von Helmut Schulte begleitet auf der Welte-Kinoorgel (morgen, 19.10 Uhr, Sonntag, 17 Uhr). Der Eintritt zu den 17-UhrVorstellungen kostet nur fünf Mark.

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