Kultur : Hitlers Linzer Museumstraum Günther Haase dokumentiert Sammlung und Sammler

Bernhard Schulz

Die Kunstpolitik des NS-Regimes und seiner Protagonisten ist erst seit gut einem Jahrzehnt in den Blick einer breiteren Forschung geraten. Inzwischen ist der Kenntnisstand erheblich gestiegen. Eine weitere Lücke sucht Günther Haase zu schließen, der als Jurist und Hobbyhistoriker bereits ein Buch über sie sagenumwobene Kunstsammlung Herrmann Görings vorgelegt hat. Weniger sagenumwoben ist die Kunstsammlung des „Führers und Reichskanzlers“ Adolf Hitler, fielen die in seinem Auftrag zusammengerafften Schätze doch 1945 zur Gänze in die Hand der US-Truppen und gelangten so vergleichsweise schnell in die Hände ihrer rechtmäßigen Eigentümer zurück.

Jedenfalls soweit es sich um beschlagnahmten und insbesondere aus dem besetzten Ausland erlangten Besitz handelte: Denn Hitler oder, genauer gesagt, seine Kunstbeauftragten hielten in überraschend hohem Maße an der Fiktion rechtmäßiger Geschäfte fest, und das noch bis ins Untergangsjahr 1945 hinein. Hitler war nie ein strategischer Sammler gewesen; seit 1938 sammelte er überhaupt nicht mehr für sich selbst, sondern ließ sammeln, und zwar für das seit jeher aufbauschend „Führermuseum“, tatsächlich aber von den NS-Bürokraten schlicht als „Kunstmuseum" beziehungsweise „Neues Kunstmuseum“ geführte Haus, das Hitler seiner als „Alterssitz“ auserkorenen Quasi-Heimatstadt Linz an der Donau zugedacht hatte.

Haase räumt vermöge seiner über Jahre erworbenen, beeindruckenden Archivkenntnisse mit einigen Superlativen auf, wie sie etwa noch Jonathan Petropoulos in seiner ansonsten ausgezeichneten Studie „Kunstraub und Sammelwahn“ von 1996 (dt. 1999) kolportiert, nämlich dass Hitler „die größte Kunstsammlung aller Zeiten zusammenzustellen“ befohlen habe. Dagegen spricht vielleicht schon, will man es als Quelle überhaupt gelten lassen, Hitlers Testament, wo er lediglich vom „Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz“ spricht.

Dagegen sprechen vor allem aber die 1945 ins österreichische Altaussee ausgelagerten Bestände. Sie waren zwar quantitativ enorm und umfassten allein 6577 Gemälde (hingegen merkwürdigerweise nur 1184 grafische Blätter), aber qualitativ durchaus nicht durchweg ersten Ranges. Ein sehr großer Teil stammte aus Galeriekäufen in Frankreich und den Niederlanden, wo die Nazi-Interessenten einen regelrechten Kunstmarktboom auslösten. Nicht zuletzt auf Grund des enormen Einflusses der beiden Bevollmächtigten für das Linzer Museum, des Dresdner Museumsdirektors (und ursprünglichen Gegners der NS-Kunstpolitik!) Hans Posse sowie nach dessen Tod 1942 seines Wiesbadener Kollegen Hermann Voss, blieb beispielsweise das Kunsthistorische Museum Wien mit seinen nun wahrlich weltbedeutenden Beständen unbehelligt.

Enorm waren allerdings die finanziellen Mittel, die – völlig abseits jeder normalen Haushaltsbewilligung – für das Linzer Vorhaben aufgewendet wurden. Sie summieren sich bis März 1941 auf 8,5 Millionen Reichsmark, bis Oktober 1944 dann schon auf 106 Millionen Reichsmark. Die Aussagekraft zumal der letztgenannten Zahl ist wegen der fiktiven Preise in der Kriegswirtschaft allerdings höchst begrenzt.

Haases Dokumentation kann mit einer Fülle solcher Details aufwarten, aus denen sich das Bild einer immer weiter verzweigten Kunstbeschaffungsmaschinerie zusammensetzt. Weniger geglückt ist dem Autor die Einbettung seiner Funde in die Gesamtgeschichte der NS-Kunstpolitik; Fehler wie die falsche Datierung und Lokalisierung der Ausstellung „Entartete Kunst“ hätten sich leicht vermeiden lassen. Die definitive Gesamtdarstellung der NS-Kunstpolitik und der Hitlerschen Linz-Träume steht jedenfalls weiterhin aus.

Günther Haase: Die Kunstsammlung Adolf Hitler. Eine Dokumentation. edition q, Berlin 2002. 307 S., geb. 24,50 €.

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