Kultur : Hitlers Schatten: In der Schuld-Falle

Kai Müller

Es war ziemlich dunkel im Berliner Tränenpalast, als Außenminister Joschka Fischer, gefolgt von Professor Arnulf Baring, der Wiener Historikerin Brigitte Hamann und Wolfgang Schäuble, das Podium betrat. Dicke, schwarze Filzvorhänge schotteten den Glaskasten gegen die abendlichen Sonnenstrahlen ab. Eine Konzession an die Fernsehkameras, die die vom "Spiegel" eingeladene Runde für den Hauptstadt-Kanal XXP-TV aufzeichneten. Aber man hätte auch meinen können: Vor dem Sonnenlicht verkriechen sich die Deutschen im Schatten.

Tatsächlich war die von Stefan Aust und Gerhard Spörl moderierte Diskussion Teil einer Medienoffensive des Augstein-Blatts, mit dem es die "Gegenwart der Vergangenheit" beschwört. In der Stadt hängen zahllose Plakate mit dem Konterfei Hitlers, die Feldherrenmütze tief ins Gesicht gezogen, den Arm zum Gruß gestreckt. In dieser Pose scheint der Führer die Deutschen noch 56 Jahre nach Kriegsende zu beschirmen, ihnen die Sonne zu rauben und sie ins Dunkel ihrer unbewältigten Geschichte zurückzuziehen. So jedenfalls suggeriert es der "Spiegel"-Titel - und demonstriert damit vor allem, wie die propagandistische Selbstdarstellung Hitlers selbst kritische Organe noch heute in seinen Bann zieht.

Dass der "Schatten" des Diktators mit den Jahren nicht kleiner werde "und das Grauen über seine Untaten unablässig größer", hatte der Hitler-Biograf Joachim Fest bereits 1973 vermerkt. Gerhard Spörl schließt sich diesem Urteil an, wenn er in Adolf Hitler den "ersten und den letzten Grund" für das anhaltende Misstrauen des Auslands und die aufwühlenden öffentlichen Debatten um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter oder um eine deutsche "Leitkultur" sieht. Doch verbirgt sich dahinter ein anderes Problem: Die Schröder-Regierung, die in dem Bewusstsein einer neuen Normalität angetreten war, muss erkennen, dass der unbefangene Umgang mit der Vergangenheit an Grenzen stößt.

Unweigerlich wurde Joschka Fischer deshalb zum Hauptakteur des Talk-Quartetts. Und zwar nicht nur als Außenminister, der die Reserviertheit europäischer Kollegen am ehesten spürt, sondern auch wegen seiner Kritik an konservativen Ursprungslegenden. Deutschland finde keinen Gründungsmythos, sagte er, auf den es sich positiv berufen könnte. Solche kollektiven Bezugspunkte gingen aus Freiheitskämpfen hervor, "und die Tragödie unserer Geschichte ist, dass mit der gescheiterten Revolution 1848 Freiheit und Gleichheit entkoppelt wurden."

Die Rolle des Gegenspielers übernahm der Berliner Historiker Baring. Für ihn sei essenziell, dass Deutschland seiner langen Geschichte auch positive Zeugnisse entnehme und sie nicht auf Auschwitz reduziere. Es sei "nicht nur für uns, sondern auch für unsere Nachbarn eine ungeheure Belastung, dass wir eine Schuld immer wieder in uns selbst suchen und uns selbst nicht aushalten können". Und so überraschte er mit der Frage: "Wie können wir ein Stück von dem Enthusiasmus, den Hitler abrufen konnte, wieder nutzen?" Deutlich schwang in seinen Attacken gegen die "Miesepeter" der Wunsch mit nach einem Ende der aufreibenden Hinterfragung deutscher Machtpositionen. Siegipfelten in der Bemerkung, dass er Entschädigungforderungen nicht mehr für angemessen halte - das "Zwangsarbeiter-Problem" markiere schon jetzt einen "Wendepunkt".

Schäuble bemühte sich, die Auseinandersetzung zu entschärfen, indem er die Lernfähigkeit des deutschen Volkes hervorhob, die in der Bundesrepublik seit dem Kriegsende ein Gegengewicht gegen den Schrecken ausgebildet habe: "Die Last der historischen Hypothek wird mit dem Schatz an Erfahrungen ausbalanciert."

Von Hitler selbst war an diesem Abend nicht die Rede. Nur einmal, als Fischer darauf verwies, dass dem deutschen Volk nicht die alliierten Kriegsgegner sein Existenzrecht abgesprochen hätten, sondern der geschlagene Despot. Der "Walküre"-Befehl wollte Deutschland verbieten, weiter zu bestehen. Es ist diese destruktive Dimension, die ihn der Nachwelt als Bezugsfigur aufzwingt und verhindert, dass er einfach "zu einem Element des historischen Gesamtbewusstseins" wird, wie der britische Historiker Ian Kershaw schreibt.

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