Kultur : Hitlers Traktat: Mein Krampf (Kommentar)

Christian Schröder

Das Inhaltsverzeichnis scheint einen klassischen Bildungsroman anzukündigen: "Im Haus meiner Eltern - Jahre des Studiums und der Armut in Wien - München - Krieg - Revolution - Der Beginn meiner politischen Aktivität". Junge vom Land geht in die Stadt, studiert, scheitert, zieht weiter in eine andere Stadt, scheitert erneut, findet schließlich seine Bestimmung. Eine Geschichte, wie sie auch von Flaubert oder Dickens hätte erzählt werden können. Nur dass sie hier rustikal-rührselig beginnt, im Duktus eines "Edelweiß"-Romans: "Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies." Vom "Schicksal" und einer besonderen "Bestimmung" des Autors wird noch oft die Rede sein auf den folgenden knapp tausend Seiten. Adolf Hitler war nicht bloß ein furchtbarer Diktator, er war auch ein fürchterlicher Stilist. Sein Buch "Mein Kampf", das vor genau 75 Jahren erschienen ist, besteht aus verschachtelten Betrachtungen, pompösem Wortgeklingel und verrutschten Metaphern. Der Autor scheitert an der Sprache, fast auf jeder Seite: "Die Flagge des Reiches ist aus dem Schoße des Krieges hervorgegangen." - "Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen."

Man könnte "Mein Kampf" als schlechte Literatur abtun. Fatalerweise ist es aber überhaupt keine Literatur gewesen. Sondern: ein Programm. Juden beschimpft Hitler als "Ratten" und "Volksschädlinge", ihre "Ausmerzung" sei ein religiöser Akt: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn." Neben der Ermordung der Juden kündigt der spätere Führer auch einen Eroberungskrieg im Osten an, als "ehernes Naturgesetz". Bis 1945 haben Hitler und seine Deutschen versucht, das Vernichtungsprogramm in die Tat umzusetzen. "Mein Kampf" wurde bis dahin in 20 Millionen Exemplaren verkauft - und kaum gelesen. Heute kann man den Text mühelos aus dem Internet herunterladen. Doch als Buch darf "Mein Kampf" in Deutschland nicht erscheinen. Noch immer scheint von Hitlers Traktat und seiner "unverwechselbar neurotischen Ausdünstung" (Joachim Fest) eine prekäre Magie auszugehen. Um sie zu brechen, gibt es nur eine Lösung: "Mein Kampf" endlich in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe zu veröffentlichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben