Kultur : Hitparade: Diese Woche auf Platz 7

Ralph Geisenhanslüke

Ist dieser bleigraue Januar nicht ein langer dunkler Fünf-Uhr-Tee der Seele? Sind die Gesichter in der U-Bahn nicht eine Sahel-Zone der Lebensfreude? Keine Frage: Momentan braucht einfach jeder Trost. Den spendet Tunde Baiyewu, der Sänger der Lighthouse Family.

Baiyewu geht durch die Londoner U-Bahn - die es an Tristesse mit der Berliner locker aufnehmen kann - und singt ein Lied: "(I Wish I Knew How It Would Feel To be) Free", geschrieben von dem Jazz-Pianisten Billy Taylor, erstmals gesungen von Nina Simone, später auch von Solomon Burke und Ray Charles. Eine schwarze Befreiungshymne in den sechziger Jahren. Die Lighthouse Family drückt auf die Kitsch-Drüse und packt noch Gitarren-Parts von U2 dazu.

Seit gut zwei Monaten stehen die Single (Platz 13) und das Album (Platz 7) der Lighthouse Family in den deutschen Charts. Manche Leute können den Song schon im Schlaf singen, weil sie ihn jeden Morgen im Radio hören. Trotzdem behauptet er sich mit seiner beinahe kirchentagsmäßigen Schlichtheit weiter in den oberen Positionen. Warum?

Die Gesichter, in die Baiyewu hier blickt, sind weiß - und ziemlich verhärmt. Aber er stellt sich nicht hin wie ein Party-Stenz, der sich über "diese schrecklichen Fressen in der U-Bahn" echauffiert. Das Video zeigt, dass hinter jedem von ihnen eine Geschichte steckt: Die Frau, deren Mann im Knast sitzt. Oder der Junge, der kürzlich zusammengeschlagen wurde. Sie alle sind - obwohl die Medien ihnen jeden Tag erzählen, die Welt sei dufte wie Volumen-Shampoo - tieftraurig. Aus diesem Gefängnis unserer Sorgen brechen wir nur aus, wenn wir aufeinander zugehen und zusammen halten - das ist nun die schlichte, zum Chor anschwellende Botschaft dieses Songs. One Love, One Blood. Das wärmt auch.

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