Kultur : Hitparade: Diese Woche auf Platz 72

Ralph Geisenhanslüke

Eine Studie der Deutschen Bahn hat kürzlich ergeben, dass die Fahrgäste mit dem Personal an Bord zufrieden sind. Aber die Bahn selbst - vor allem die Nahverkehrszüge - trügen noch immer zum Negativ-Image bei. Dabei gibt es regalweise Romane, in denen die Romantik von Provinzbahnhöfen besungen wird. Vielleicht sollte sich Bahn-Chef Mehdorn mal mit Cassandra Wilson beraten. Die amerikanische Sängerin hat gerade einer verschlafenen Haltestelle ein Denkmal gesetzt. Genauer gesagt: dem Eisenbahndepot von Clarksdale, das ebenso wie Wilsons Geburtsort Jackson im Herzen von Mississippi liegt, jenem US-Bundesstaat, aus dem der Blues und der Jazz kommen. Zwei Stücke des Albums wurden sogar in einem alten Waggon aufgenommen, weil eine Hochzeitsgesellschaft den ganzen Laden gemietet hatte.

Eine doppelte Heimkehr für Cassandra Wilson, die damit auf Platz 1 der deutschen Jazz-Charts steht. Was bedeutet das - gemessen an den Marktverhältnissen der real existierenden Pop-Welt? Platz 1 der Jazz Charts bedeutet: Platz 72 (Vorwoche 62) bei Media Control. Cassandra Wilson ist schließlich nicht Robbie Williams, der mal eben ein weißes Hemd anzieht, Frank Sinatra singt und damit Millionen verdient. Dafür erfüllt sie auch keine wohlfeilen Klischees. Den Blues, wie ihn alle Welt aus dem Mississippi-Delta erwartet, gibt es bei ihr nicht.

Wilson ist keine - Pardon! - Blues-Röhre. Ihr Alt klingt wie Milch und Honig und Samt. Wenn die Sonne den Bauch nicht wärmt, dann schafft das diese Stimme. Und durch die Röhre - das wissen Herr Mehdorn und seine Mitarbeiter - fährt bestenfalls die Bahn.

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