Kultur : Hits für Kleinanleger

Eine

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von Christian Tretbar

Jetzt fallen sie auch über die Musikwelt her. Noch sind es wenige, aber sie vermehren sich schnell: die Heuschrecken. Diesmal sind es allerdings nicht schwergewichtige Finanzjongleure, die angreifen, sondern die Musikfans, die sich im Internet neuerdings mit Aktien von Musikgruppen eindecken können. Möglich macht das Johan Vosmeijer, dessen „Sell a Band“-Projekt jeden befähigt, zum Anteilseigner einer Band zu werden. Sein halbes Berufsleben hat der Niederländer dem klassischen Musikgeschäft gewidmet. Bei Sony hat er Sublabels wie Red Ink oder Epic mit aufgebaut – und erlebt, wie die traditionelle Anwerbung neuer Bands in die Krise geriet. Jetzt will er neue Wege beschreiten. Statt das Risiko im Hit-oder- Niete-Business zentral gesteuerten Unternehmen zu überlassen, wird das Geschäft zwischen Fan und Musiker abgewickelt.

Mittlerweile etwa 2800 Nachwuchsbands stellen sich und ihre Musik auf www.sellaband.com vor. Ihre Songs kann man sich kostenlos anhören, Videos anschauen oder – falls vorhanden – zu ihren My- Space-Seiten weitersurfen. Wem ein Kandidat gefällt, kann Aktien von diesem kaufen. Der Fan als Spekulant und die Band als AG. Jede Aktie, die im Fachjargon „Teil“ heißt, um nicht zu sehr nach Wall Street zu klingen, kostet zehn Dollar; eine Band, die 5000 Aktien verkauft, bekommt von Sellaband.com einen Plattenvertrag. Mit professionellem Produzent und im schicken Studio wird ein Album aufgenommen. Die Kosten trägt der Aktionär. Und er hat auch etwas davon, weil er zu einem Drittel am Verkauf des Albums beteiligt ist. Musik wird so zur neuen Volksaktie und der Fan zum Hedge-Fonds. Ob seine Übernahmen freundlich sind?

Überall kann der Investor wildern, weltweit und in jedem Genre. Denn nicht nur Rock- und Popbands aus fast allen Industrienationen buhlen um die neuen Geldgeber, auch Musiker aus Angola, Kambodscha und Äthiopien wollen Teilhaber gewinnen. Wobei kambodschanische Ambient-Musik als Risikoanlage gilt – aber mit hoher Dividende.

Nur eine klassische Börse ist die Plattform nicht. Denn einmal erworbene Anteile kann man nicht weiterverkaufen. Wenn die Band floppt oder niemand sonst in sie investiert, hat der Anleger Pech gehabt. Ihm steht es aber auch frei, Großaktionär zu werden, indem er sämtliche Anteile aufkauft. Dann müsste er seinen Gewinn aus späteren CD-Erlösen wenigstens nicht mit anderen teilen.

Vier Bands haben die Schallgrenze von 50 000 Dollar bisher durchbrochen und spielen gerade ihre Debütalben ein. Ob sie denDurchbruch schaffen, bleibt abzuwarten. Aber für die Musikindustrie könnte sich das Projekt als Outsourcing- Potenzial entpuppen. Teure Produktionskosten würden auf den Fan abgewälzt.

Nur deutsche Musiker sucht man bislang vergeblich. Vielleicht wissen sie, dass Kleinanleger in Deutschland schlechte Erfahrung mit Volksaktien gemacht haben.

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