Kultur : Hits fürs Herz

„Firmenhymnenhandel“ im Heimathafen Neukölln.

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Dein Hirn? Nö, kannst du behalten. Deine Hand? Klar, die wird gebraucht. So wie dein Herz. Das vor allem. Denn wer dein Herz hat, der hat dich im Sack. Und die Musik dient als Gleitmittel dazu. Das ist die nicht gerade komplexe, aber in der spätneoliberalen Arbeitswelt offensichtlich praktizierte These des Theaterstücks „Der Firmenhymnenhandel“.

Wie sonst kann es möglich sein, dass nach Identifikation lechzende Angestellte gemeinsam Verse singen wie: „Wir haben die Frische jeden Tag / unser Service macht uns stark. Wir sind mehr als nur Discount, wir sind Kaiser’s Tengelmann / und in unserer Familie kommt’s auf jeden von uns an“? Und verglichen mit den Hymnen von Henkel, Volkswagen oder Air Berlin ist diese noch subtil, wie sich im Heimathafen Neukölln überprüfen lässt.

Zum Berlin-Gastspiel seines im März in Hamburg uraufgeführten ersten Theaterstücks ist der Altlinke, Grünen-Mitbegründer und Satiriker Thomas Ebermann am Samstagabend sogar selbst auf die Bühne gestiegen. Am Ende bietet er seinem guten, nur hier und da von Versprechern geplagten Schauspielerkollektiv Robert Stadlober, Pheline Roggan, Rainer Schmitt und Tillbert Strahl-Schäfer gleich vier mögliche Schlüsse für sein szenisch statisches, aber wortwitziges Szenario an. Darin bemühen sich ein pragmatischer und ein skrupulöser Musiker, einem knarzigen Unternehmer und dessen kreativwirtschaftsaffiner Tochter einen Firmensong zu verkaufen. Eine dankbare Konstellation, um Kapitalismus- und Kulturkritik à la Adorno mit dem ekligen Wortgekröse von Managerfibeln und Empowerment-Ratgebern zu kreuzen.

Unterm Strich ist wenig Neues, aber trotzdem so mancher verdichteter Denkanstoß dabei. Schön schrecklich sind die per Videoeinspiel etwa von Rocko Schamoni, Bernadette La Hengst, Dirk von Lowtzow, Nina Petri, Ja Panik, Harry Rowohlt, Thomas Pigor dargebotenen echten Firmenhymen. Was den offenen Schluss angeht: da erhalten die Varianten „Kitsch“ und „Kommunismus“ den meisten Publikumsapplaus. Die Revolte bleibt mal wieder aus. Gunda Bartels

noch einmal am heutigen Montag,

10. Dezember, 20 Uhr

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