HKW: Transmediale : Der Mensch ist die Maschine

Macht und Ohnmacht der Digitalisierung: die Transmediale im wiedereröffneten Haus der Kulturen der Welt.

Giacomo Maihofer
Digital-analoges Gedärm. Ein Blick in die Ausstellung "Alien Matter" im Haus der Kulturen der Welt.
Digital-analoges Gedärm. Ein Blick in die Ausstellung "Alien Matter" im Haus der Kulturen der Welt.Foto: Luca Girardini, CC BS-SA 4.0

Die Zukunft wirkt auf den ersten Blick ziemlich niedlich. Im Jahr 2039, nach einer verheerenden Klimakatastrophe, herrscht ein kleines, süßes Kätzchen über die Menschheit. Es kümmert sich um alle Belange des Lebens. Es beobachtet uns, aber nicht wie Big Brother, sondern wie eine liebende Schwester. Es behält unsere Gesundheit im Auge, belüftet unser Apartment, sorgt dafür, dass die Luft und das Wasser sauber sind. Es liebt uns. Ganz, ganz doll.

„The Kitty A.I“, heißt dieses putzige Ding, das einem in der Installation der türkischen Künstlerin Pinar Yoldas gegenübertritt. Es ist eins von insgesamt 30 Werken, das die Kuratorin Inke Arns in ihrer Ausstellung „Alien Matter“ im Haus der Kulturen versammelt hat. Es ist die erste Ausstellung, die hier nach der fünfmonatigen Renovierungspause wieder zu sehen ist. Sie wurde im Rahmen der Jubiläumsausgabe des Medienkunstfestivals Transmediale eröffnet.

„Ever Elusive – 30 Years of Transmediale" lautete der Titel, unter dem am vergangenen Wochenende die über 50 Workshops und Talks, Performances und Panels abgehalten wurden und in den nächsten Wochen auch weiter verschiedene Exkursionen angeboten werden. Worum es geht? Bernd Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen, versuchte es bei der Eröffnung mit dem Bild „Duell mit Knüppeln“ zu erklären, dass der spanische Maler Francisco de Goya 1823 fertigte: Es zeigt zwei Männer, die, während sie gegeneinander kämpfen, unbemerkt von dem Sand verschluckt werden, auf dem sie stehen. Der Sand, erklärte Scherer, sei unsere technologische Infrastruktur. Sie werde immer digitaler und unsichtbarer, gleichzeitig durchdringe sie unsere Gefühle, Gedanken und unser Verhalten. „Auf der Oberfläche sieht es aus, als seien es wir Menschen, die auf diesem Welttheater kämpfen, aber jede unserer Handlungen ist zunehmend verwurzelt in dieser anderen Welt.“ Bei wem also liegt die Handlungsmacht? Bei uns oder den Maschinen? Ist diese Unterscheidung noch so klar zu ziehen? Wo liegt die Grenze, wenn wir, wie Transmediale-Chef-Kurator Kristoffer Gansing später zu bedenken gab, unser Verhalten und unsere Sozialstruktur immer mehr an der Logik von Maschinen orientieren – und wenn diese zunehmend untereinander kommunizieren und unabhängig von uns operieren, ja sogar lernen.

Ein vorwiegend junges, internationales Publikum füllt die Räume

Dass der Debattenbedarf zu diesem Thema groß ist, zeigte die Masse an Menschen, die schon am Eröffnungsabend ins Auditorium strömten. Kein Platz blieb frei. Auch die Karten für die übrigen Tage waren bis auf Einzeltickets bereits vor Beginn ausverkauft. Ein vorwiegend junges, internationales Publikum tummelte sich hier in den verschiedenen Veranstaltungen und der begleitenden Ausstellung „Alien Matter“.

Die Kuratorin Inke Arns hat den Raum mit einer strengen Komposition der Werke selbst zu einem lebenden Kunstwerk gemacht, dass das Spannungsverhältnis des Menschen zur Technik zwischen Verführung und Befremdung, Nähe und Unsicherheit auslotet, reflektiert und fühlbar macht. Stangen aus Plastik, die mit einem 3D-Drucker gefertigt wurden, schrauben sich hoch zur Decke. Stimmen von Robotern erklingen von allen Seiten. Glasfaserkabel, die ansonsten unsichtbaren Adern des Kommunikationsnetzwerkes, türmen sich an einer Stelle zu einem wurmartigen Gebilde, von dem nicht weit entfernt kleine Service-Bots über den Boden schwirren. Es ist eine Infrastruktur des Digitalen, die hier sichtbar wird. Roboter träumen von mit Schnee überzuckerten Bergwipfeln, Menschen rezitieren philosophische Texte, die von Künstlichen Intelligenzen geschrieben wurden. Man selbst steht dazwischen, unentschlossen ob man das als Horror empfinden soll, als Klamauk oder als einfach nur schön.

Das Zeitalter des Anthropozän ist zu Ende

Ist es überhaupt von Bedeutung? Das Zeitalter des Anthropozän, die alleinige Vorherrschaft des Menschen, ist zu Ende. Man hörte diese Feststellung in unterschiedlichen Formen immer wieder in den Veranstaltungen. „Von der Maschine zu sprechen, das heißt vom Menschen zu sprechen, darüber, was es heißt Mensch zu sein“, hieß es beispielsweise in einem Vortrag von Andreas Broeckmann, der selbst von 2000 bis 2007 künstlerischer Leiter des Festivals war. Die Maschine sei nicht länger bloß das fremde Andere, sondern werde Teil unserer Subjektivität.

Und doch: Unser Verständnis von ihr bleibt flüchtig, eben weil sie sich wandelt, während wir über sie sprechen. Auch dafür hat die Ausstellung ein Bild gefunden: An der Seite des Raumes steht ein Datenschrank, den die Künstlerin Addie Wagenknecht gebaut hat. Die künstliche Intelligenz zapft das Wifi der Umgebung an und prozessiert die eingehenden Informationen, heißt es in der Beschreibung. Bei jedem Prozess blinkt eines von unzähligen grünen Lichtern auf. Die Vorstellung ist schon so gruselig genug. Doch woher wissen wir, dass das Blinken der Lichter nur das bedeutet - und nicht schon längst etwas völlig anderes?

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, „Alien Matter“ bis 5. März, Mo-So 10–19 Uhr

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