Kultur : Hl. Elfie, bitte für uns!

Das BE zelebriert Elfriede Jelineks Nobelpreisrede

Marius Meller

Darf man Heilige kritisieren, darf man sie auf kleine Nachlässigkeiten hinweisen? Darf man sagen: Hochverehrte Frau Hl. Theresa, Ihr Lippenstift ist ein wenig verschmiert, liebe Frau Hl. Margareta, Ihre Brosche ist ein wenig verrutscht, werte Frau Hl. Hildegard, Ihr mystischer Gesang ist heute ein wenig schrill!?

Die heilige Elfriede machte am Freitagabend auf der neuen Probebühne des Berliner Ensembles eine annehmbare Figur – zumindest unter dem Gesichtspunkt der spirituellen Purifikation. Zu sehen war sie nicht leibhaftig, zu sehen war ihre Kunstlicht-Aura auf einer Großbildleinwand, jene elektromagnetische Dreiviertelstunden-Predigt, die sie den Schweden schicken ließ, zum Dank für den Nobelpreis (siehe Tagesspiegel vom 8.12.). Mystische Ekstase, mit aschener Stimme bei farbfrohem Make-up (Kontrapunkt!) vorgetragen, kommt auf drei mal viel Leinwandmetern wirklich viel besser, als in einem sammelbildchengroßen PopUp-Window auf der Rappelkiste – denn seit Dienstag kann man Jelinek von der Nobel-Homepage (www.nobel.se) ja runterladen (kostenlos).

Solitäre Vorgruppe und erleuchtungstechnische Einheizerin war Peymann-Aktrice Therese Affolter, die in 115 Minuten Schwerstarbeit eine Kurzfassung des luziden Jelinek-Klassikers und Skandalschockers „Lust“ (1989) deklamierte. Affolters spiritual-athletische Glanzleistung bestand darin, den Mutterwitz der Jelinek voll auszuspielen, zwischen all den Horrorpornoszenen im Hölderlin-Ton. Dass die finsteren Rammel-Kaskaden bisweilen in zöpfchenschlenkernder Ironie verklärt werden – das ist wohl die Strategie des absolut unterhaltsamen Textes: Das männliche Glied – Todgeber, Mordwerkzeug – darf diskursiv bisweilen ausruhen, wenn die Autorin im zitatlastigen Backfischparlando zwischen den Zeilen einmal die heilige weibliche Utopie jenseits verderblicher Geschlechterrollen aufleuchten lässt. Der mystische Kitsch, die große Gefahr der Jelinek’schen Kunst, wird in „Lust“ durch den wiederholten, schnoddrigen „Abstieg in die Rationalliga“ noch aufgefangen.

Nicht aber in der Nobelpreis-Rede. Hier liest Elfriede Jelinek noch die wenigen komischen Sätze leider wie Marietta Slomka eine Terrormeldung. Der (sprachkritische) Talmi überwuchert die subversive Ironie vollständig: „Das Leere ist der Weg. Ich bin sogar abseits der Leere. Ich habe den Weg verlassen.“ Da hilft auch ein nachgeschoberner Kalauer nichts mehr: „Ich behaupte: das ist jetzt das eigentliche Sagen. Wie gesagt – einfach sagenhaft!“

Affolter featuring Jelinek konnte das Publikum noch fesseln. Jelinek featuring Jelinek vertrieb dessen bessere Hälfte.

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