Kultur : Hochglanz kommt nach dem Fall

Berlin hat jetzt ein Fotografie-Festival. Teilnehmerin Verena Jaeckel porträtiert Emigranten

Kai Müller

„Was haben die denn für Klamotten an?“, hörte Verena Jaeckel einen Bekannten sagen, als sie ihm ihre Fotos von Flüchtlingen zeigte. Flüchtlinge hatte er sich irgendwie anders vorgestellt. Zerlumpt, arm, beschädigt. Aber nicht in Turnschuhen. Dass man ihre Aufnahmen von Jugendlichen in einer diffus-verschatteten Umgebung für Modefotos halten könnte, erstaunte die 25-jährige Berliner Fotografin dann doch. Es ist wenig, was wir über Emigranten wissen, sagt sie und holt tief Luft. Es sei doch klar, dass die ihre besten Sachen anzögen, wenn sie fotografiert werden, oder etwa nicht?

Verena Jaeckel ist eine von 33 Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt, deren Werke ab heute im Rahmen des ersten „Berlin Photography Festivals“ im Martin-Gropius-Bau ausgestellt werden. Und sie ist bei weitem die jüngste. 1980 in Bergisch Gladbach geboren, steht die zierliche junge Frau am Anfang ihrer Karriere. Eben erst hat sie ihren Abschluss beim Lette-Verein gemacht, der Berliner Fotografenschmiede. Und schon ist sie mit ihrer Serie „Geduldet“, bei der sie zehn junge Ausländer ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung porträtiert hat, in einer der interessantesten Foto-Ausstellung des Jahres vertreten: „After the Fact“ heißt die von Jan-Erik Lundström kuratierte Schau, für die er aktuelle Positionen des Dokumentargenres zusammengetragen hat; darunter großformatige Arbeiten von Michael Wesely, der die Baufortschritte am Potsdamer Platz in extremen Langzeitbelichtungen erfasste, oder klassische Schwarzweiß-Reportagen, wie die von Owen Logan aus dem Öl-Land Nigeria, deren Sozialfolklore durch eine ständig ins Bild ragende Michael-Jackson- Maske aufgebrochen wird. Der Schwede Lundström suchte nach Perspektiven auf jene „Notsituationen“, die – einer These Walter Benjamins folgend – auch unsere demokratische Ordnung mehr und mehr entkräften. „Die Tradition der Unterdrückten“, schrieb Benjamin, „belehrt uns darüber, dass der ,Ausnahmezustand’, in dem wir leben, die Regel ist.“

In den Worten von Verena Jaeckel hört sich das so an: „Wenn die Jugendlichen, die ich fotografiert habe, in die Disko gehen und der Türsteher will ihren Ausweis sehen, ist alles, was sie ihm zeigen können, ein Blatt Papier mit vielen Stempeln drauf. Das ist denen total peinlich. Das sind Teenies, die wollen sein, wie alle anderen auch.“ Die Fotografin hat für diese Scham, die sich erst recht vor einer klobigen 17 Kilogramm schweren Großbildkamera einstellen muss, eine einfache visuelle Sprache gefunden. Ihre Aufnahmen zeigen junge Menschen verloren und ortlos in einer „künstlichen Nacht“, die wie das Zwischenreich ihres rechtlichen Status’ ohne jede Perspektive ist. Die Kamera hält ein Leben fest, in dem die Akteure weder zurück noch vorwärts können. Und es gehört zu diesem Stillstand durchaus dazu, dass sie „eigentlich ganz andere Probleme haben als einer Fotografin Modell zu stehen“, sagt Jaeckel.

Um wen es sich auf Jaeckels Bildern handelt, erfährt man nicht. Nichts davon, woher die Jungen und Mädchen stammen, was sie nach Deutschland verschlagen hat und was sie denken. Anonymität sei eine Vorbedingung des Projekts gewesen, erzählt Jaeckel. Sie hat „Ikonen“ der Entwurzelung geschaffen, deren sozialer Impetus sich im Ungefähren zerstreut. Vielen „After the Fact“-Arbeiten ist dieser Zug eigen. Das Dokumentarische, erklärt Kurator Lindström, erfasse gesellschaftliche Realitäten am besten „indirekt“, also durch jenen blinden Blick, der die Katastrophen erkennt, ohne sie deuten zu können. Das unterschwellige Zerren und Stoßen am Wirklichkeitsgefüge drückt sich in einer „empathischen Verstörung“ aus, einem Mitgefühl für die Opfer, denen man nicht helfen kann.

So misst „After the Fact“ Terrorlandschaften in einem Weltbürgerkrieg aus, der längst auch die für sicher gehaltenen Zitadellen der westlichen Kultur erreicht hat. Der Japaner Masaki Hirano bereiste den Balkan und fotografierte Bunker und Einschusslöcher von pittoresker Schönheit. Oliver Ressler aus Österreich konfrontiert uns mit einer zur Schlacht gerüsteten Stadt – Genf ist in Erwartung der Zusammenstöße während des G-8-Gipfel mit Holzbrettern verschalt. Christoph Draeger besuchte Stätten, an denen die Katastrophen bereits stattgefunden haben. Seine Ansichten von Pompeji, Little Bighorn, Hiroshima, Lockerbie, Belfast oder vom Brüsseler Heysel-Stadion verdeutlichen allerdings, dass die Fotografie nicht die Mittel besitzt, seelische Traumata abzubilden, wenn diese sich aus dem Alltag zurückgezogen haben. So insistieren Draegers Landschaftsstudien auf einem Fortwirken des zerstörerischen Moments, für das sie jeden Anhaltspunkt schuldig bleiben – außer der Tatsache, dass diese Geschichtsorte aufzusuchen schon ein Beweis für deren nicht endende Bannkraft ist. Ähnlich verfahren auch Sophie Ristelhueber und Maria Elvira Escallón. Auf ihren Fotos sind die Spuren einer Gewalt zu erkennen, von der wir nichts weiter erfahren, als dass sie stattgefunden hat. Die Blutrinnsale auf dem Asphalt, die Schleifspuren und Brandflecken in einem Zimmer bezeugen, dass man für ein gutes Bild immer zu spät ist. Nicht zu spät dran, aber „after the fact“ – nach dem Vorfall.

Dass Fotos immer schon die Interpretation dessen beinhalten, was sie abbilden, ist ein sehr postmoderner Gedanke, zum Ehrbegriff des neutralen Dokumentaristen passt er überhaupt nicht. Aber kann man verhindern, Partei zu ergreifen? Obwohl Verena Jaeckels Porträts das Geheimnis ihrer Figuren nicht enthüllen, wären sie nicht zu Stande gekommen, wenn die quirlige Frau nicht auch etwas davon hätte mitkriegen wollen, wie die Porträtierten leben. Mit der Unbedarftheit einer Anfängerin inszeniert sie das Drama einer systematischen Identitätsauslöschung und sagt: „Ich habe mich für Fotografie entschieden, um nicht reden zu müssen.“

Bevor man in der Ausstellung zu Jaeckels Beitrag gelangt, streift man ein Werk des Albaners Adrian Paci. Er setzte Obdachlose auf die Stufen des Stadions von Tirana, in dessen Schatten die Männer hausen, und drückte jedem eine Glühbirne in die Hand. „Turn on“, heißt das Bild. Man sieht Stromgeneratoren und Kabel, und das Licht der Lampen erleuchtet in dieser Nacht Menschen, die niemand sehen will. Was das Bild nicht zeigt, ist der Lärm, den 19 Generatoren machen.

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