Kultur : Hochmut & Havarie

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Rüdiger Schaper über die immer noch schwelende Berliner Volksbühnen-Affäre

Der Tanker vom Rosa-Luxemburg-Platz schlingert weiter im Bermuda-Dreieck der Kulturpolitik. In sechs Wochen läuft der Vertrag des Intendanten aus, und nichts deutet darauf hin, dass Frank Castorf unter den gegebenen Bedingungen weitermacht. Von Entwarnung kann keine Rede sein.

Ende vergangener Woche gab es zwar endlich neue Zahlen. Doch sie liegen immer noch weit unter der Marge, die Castorf fordert und die von Politikern aller Parteien im Abgeordnetenhaus anerkannt wird. Mit der Kulturverwaltung hatte die Volksbühne auch bereits eine Etaterhöhung von 818 000 Euro für den Doppelhaushalt verabredet. Nun sollen es doch nur wieder 290 000 Euro im laufenden und 653 000 Euro im kommenden Jahr sein. Zu wenig, um für die Volksbühne unter den Berliner Staatstheatern annähernd Chancengleichheit zu schaffen.

Freilich, Kultursenator Thomas Flierl will Castorf halten. Angesichts der schweren Berliner Finanznotlage sieht sein Angebot gar nicht so schlecht aus. Nur: Die zusätzlichen Mittel müssen erst noch beschafft werden. Andere Häuser sollen Etatkürzungen hinnehmen und über erhöhte Eintrittspreise ausgleichen. Das aber sei unrealistisch, sagen Castorfs Kollegen. Eine Luftbuchung, kritisiert die Opposition im Abgeordnetenhaus. Und die Volksbühne pocht auf die Zusagen, die ihr im Lauf der Zeit von drei (!) Kultursenatoren gemacht worden sind.

Es bleibt also dabei: Dem erfolgreichsten Berliner Theater seit der Wende droht der Kollaps. Das Modell Volksbühne, ein Vorbild für die gesamte deutschsprachige Theaterwelt, steht zur Disposition. Berlin riskiert den Verlust seines renommiertesten Regisseurs. Am Freitag hat Frank Castorf Premiere bei den Wiener Festwochen mit „Der Meister und Margarita“. Er will sich vorher nicht zum Stand der Vertragsverhandlungen äußern. Er konzentriert sich auf seine Arbeit. Und das ist im Augenblick die einzige und die beste Antwort: Frank Castorf lässt die Kunst sprechen. Das macht seine Stärke aus. So hat er sein Haus an die Spitze geführt.

Hätten Wowereit und Flierl auch nur ein bisschen Ehrgefühl, dann würden sie sich ins Flugzeug nach Wien setzen und Castorf umwerben. Aber so läuft das nicht in der Hauptstadt. Hier herrscht der Brauch, dass die Künstler bei den Politikern vortanzen. Daran hat sich seit dem Sturz von Diepgen & Co. nichts geändert. Im Gegenteil.

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