Hochspannungsblues : Trommelfeuer für Trommelfelle

Der Cream-Schlagzeuger Ginger Baker wird 70. Er gilt als „bester Rockdrummer aller Zeiten" - dabei kamen seine Vorbilder aus dem Jazz.

H.P. Daniels

Am 25. Februar 1967 standen etwa 1200 Leute mit offenen Mündern staunend und dicht gedrängt im Hamburger Star-Club und fragten sich, was sie von dieser neuen Band aus England halten sollten. Cream signalisierten den Beginn einer neuen Ära. Beat als fröhliche Musik zum Tanzen war passé. Das Londoner Power-Trio machte Ernst mit unerhörtem Hochspannungsblues, fließenden Jazzelementen und verdrehtem psychedelischen Pop, mit endlosen Improvisationen in mörderischer Lautstärke.

Hier spielte die erste Supergroup des Rockzeitalters mit drei gleichberechtigten Solisten: Bassist Jack Bruce, Gitarrist Eric Clapton und in der Mitte Ginger Baker. Ein Schlagzeuger, wie ihn vorher noch niemand gehört oder gesehen hatte. Vorne am Bühnenrand waren zwei Bassdrums festgenagelt, dahinter ließ dieser diabolisch aussehende Typ mit roten Fusselhaaren, verquollenen Augen und vom Heroin verrotteten Zähnen die Rhythmen fliegen, wirbelte wilde Rolls über Snare und Toms, lässig aus den Handgelenken gedreht, über die Becken gezischelt und gekräscht, auf eine Kuhglocke gedengelt. Elegant und kräftig wie ein Hochleistungssportler. Präzise, rhythmisch, melodisch. Das Schlagzeug als Soloinstrument.

Ginger Baker war eine Sensation, und so galt er bald als „bester Rockdrummer aller Zeiten“. Dabei hat er sich immer dagegen gewehrt, als Rockmusiker bezeichnet zu werden. Seine Vorbilder waren die Jazzdrummer Max Roach, Art Blakely, Gene Krupa und vielleicht auch Louie Bellson, der schon Mitte der vierziger Jahre mit zwei Bassdrums gespielt hatte. Peter Baker, wegen seiner roten Haare Ginger genannt, wollte eigentlich Radrennfahrer werden, doch nachdem ihn ein Londoner Taxifahrer angefahren hatte, habe er mit dem Schlagzeug begonnen, erzählte er.

Nach Engagements in diversen DixieBands spielte er 1962 als Nachfolger des von den Rolling Stones abgeworbenen Charlie Watts bei Alexis Korner’s Blues Incorporated, dann mit Jack Bruce bei der Graham Bond Organization. 1966 fragte er Eric Clapton, ob der mit ihm eine Band gründen wolle. Sie holten Jack Bruce, nannten sich Cream, definierten die Rockmusik neu und wurden zum Rollenmodell für unzählige Nachfolger. Wie auch Baker mit seinem 13-minütigen Solo „Toad“ zum Vorbild fast aller jüngeren Drummer wurde.

Vielleicht waren es finanzielle Nöte und musikalische Erfolglosigkeit – nach zwei Jahren als Superstar mit Cream, einem knappen Jahr mit Blind Faith und schließlich mit „Ginger Baker''s Airforce“ – die ihn immer tiefer in die Drogenabhängikeit brachten. Anfang der siebziger betrieb er ein Aufnahmestudio in Nigeria und erweiterte sein Wissen um afrikanische Rhythmen. Zurück in England, spielte er Jazz-Rock mit der „Baker Gurvitz Army“, doch nie konnte er anknüpfen an den Erfolg mit Cream. Eine Zeitlang lebte er in Italien, versuchte sich zu kurieren von der Drogensucht, arbeitete auf einer Olivenplantage. Mit Charlie Haden und Bill Frisell gründete er dann schließlich das Ginger-Baker-Trio. Doch erst die Reunion von Cream 2005 in der Londoner Royal Albert Hall brachte Baker wieder kurz zurück ins Rampenlicht.

Seit etlichen Jahren lebt er im südafrikanischen Exil. Am Zaun seines Anwesens hängt ein Schild: „Beware of Mr. Baker.“ Statt vor einem bissigen Hund warnt Mr. Baker vor sich selbst. Immer noch der alte bissige Humor. Immer noch der Alte. Dabei hätte niemand darauf gewettet, dass er so alt werden würde. Wie sehr ihn das selber überrascht, hat er kürzlich in einem Interview gesagt: „Gott bestraft mich für meinen schlechten Lebenswandel, indem er mich lange am Leben erhält und mir dabei so viel Schmerzen bereitet wie möglich.“ Am morgigen Mittwoch wird Ginger Baker 70. Im Oktober erscheint seine Autobiografie „Hellraiser“. H.P. Daniels

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