• "Hochverehrte Frau Professor Liebermann": Das Georg-Kolbe-Museum lüftet die Briefgeheimnisse seiner Künstlerarchive

"Hochverehrte Frau Professor Liebermann" : Das Georg-Kolbe-Museum lüftet die Briefgeheimnisse seiner Künstlerarchive

Die Ausstellung "Briefgeheimnisse", die das Georg-Kolbe-Museum wie einen Gang durchs eigene Archiv inszeniert, zeigt unter anderem Dokumente von Georg Kolbe und Richard Scheibe.

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Post vom Freund. Walter Gropius schickte 1948 Richard Scheibe aus den USA ein CarePaket. Der Bildhauer behielt den Anhänger als Erinnerung. Foto: Kolbe-Museum
Post vom Freund. Walter Gropius schickte 1948 Richard Scheibe aus den USA ein CarePaket. Der Bildhauer behielt den Anhänger als...

Auf dem Tisch im ehemaligen Wohnatelier Georg Kolbes liegt ein wüster Haufen: Pappschachteln mit Glasnegativen, unbeschriftete Archivschuber mit Briefen, ein Karteikasten und Kalender in jeder Größe. Der Nachlass des Bildhauers Hermann Blumenthal ist in einem großen Pappkarton im Georg-Kolbe-Museum angekommen. Unsortiert lässt sich das Durcheinander aus Zetteln, Briefen und Quittungen wissenschaftlich kaum nutzen.

In zweijähriger Puzzlearbeit, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat die Archivarin Carolin Jahn die zwölf Bildhauernachlässe, die sich im Besitz des Museums befinden, aufgearbeitet. Im Zentrum stehen die Dokumente der befreundeten Künstler Georg Kolbe und Richard Scheibe, dazu kommen Teilnachlässe von Renée Sintenis und Waldemar Grzimek. Nun sind die Handschriften in der Autografen-Datenbank Kalliope öffentlich zugänglich und können über das Internetportal des Museums abgerufen werden.

Weit anregender ist es, die Ausstellung „Briefgeheimnisse“ zu besuchen, die das Museum wie einen Gang durchs eigene Archiv inszeniert. Freundschaften und kleine Tauschgeschäfte sind in den dort aufbewahrten Künstlernachlässen dokumentiert. Max Liebermann etwa möchte ein Bronzeporträt Kolbes nur annehmen, wenn dieser sich bei ihm eine Gegengabe aussucht. Als einer der wenigen Künstler geht Kolbe 1935 zur Beerdigung Liebermanns. Sein Beileidsschreiben an die „Hochverehrte Frau Professor Liebermann“ ist ausgestellt. Natürlich hat Kolbe auch seinen Arzt porträtiert, den berühmten Ferdinand Sauerbruch, der zur gleichen Zeit Liebermann behandelte und von diesem gemalt wurde. Das Museum holt überwiegend Gipsporträts aus seinem Depot, in denen der Entstehungsprozess noch spürbar ist. Hans Cürlis’ Dokumentarfilme „Schaffende Hände“ aus den Zwanzigern veranschaulichen ergänzend die Entstehung einer Plastik.

Kleine Anekdoten lassen sich in den Nachlässen entdecken. In Kolbes Atelier lernte Max Pechstein seine künftige Frau Lotte kennen, die hier dem Bildhauer Modell stand. Richard Scheibe schenkte seinem Freund Karl Schmidt-Rottluff einen Zigarettenbehälter aus Bronze zum Geburtstag. Als die Kuratorin die Leihgabe aus dem Brücke-Museum öffnete, fand sie darin die letzte angebrochene Schachtel des Künstlers. Ähnlich zufällig gelangte ein Konvolut mit Fotos von Renée Sintenis ins Museum. Es wurde nach einer Auktion im früheren Schreibtisch der Bildhauerin gefunden.

So verbinden die Briefgeheimnisse Kunstgeschichte und Künstleralltag auf amüsante Weise und verführen zu fast voyeuristischer Neugier. In grauen Archivordnern hat die Kuratorin Lebenshinterlassenschaften sortiert. Besucher dürfen die Mappen öffnen. Sie finden den Zooausweis von Richard Scheibe oder die Glaserrechnung für Kolbes Atelier. Später hat der Bildhauer die Tochter des Handwerkers porträtiert.

Historische Hinweise lassen sich nur zwischen den Zeilen entdecken. Etwa wenn Kolbe sich 1944 bei seiner Mitarbeiterin für ein Paket Knäckebrot bedankt oder Walter Gropius aus den Vereinigten Staaten an seinen Freund „Scheibchen“ ein Care-Paket schickt. Für die Forschung ist die digitale Erfassung der handschriftlichen Dokumente essenziell. Aber erst in der Begegnung mit den mal banalen, mal bedeutenden Originaldokumenten im Museum lässt sich das gelebte Leben dahinter zumindest erspüren.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 16. Januar; Di–So 10 bis 18 Uhr. Am 24. und 31. Dezember geschlossen.

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