Hochwasser an der Elbe : Das Versinken der Kindheit in der Flut

Annett Gröschner ist in Magdeburg aufgewachsen, die Wohnung ihrer Eltern lag auf einer Elbe-Insel. Als die Pegel nun bedrohlich stiegen, fuhr die Berliner Schriftstellerin an den Ort ihrer Kindheit und schrieb ihre Beobachtungen auf.

Annett Gröschner
Blick auf den Dom: Als das Wasser der Elbe stieg und stieg, fuhr die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner in ihre Heimatstadt Magdeburg. Mit den folgenden Bildern und Texten dokumentiert sie die Eindrücke der vergangenen Woche.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Annett Gröschner
07.06.2013 17:18Blick auf den Dom: Als das Wasser der Elbe stieg und stieg, fuhr die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner in ihre...

Für die meisten von uns existiert so etwas wie eine Kindheitsinsel. Ein elysischer Ort, der sich immer weiter von uns entfernt, je älter wir werden. Ich hatte das Glück, dass Imagination und Realität zusammenfielen. Ich bin auf einer Insel in der Elbe aufgewachsen, mitten in Magdeburg, zwischen dem westlichen Ufer der Stromelbe – bei den Inselbewohnern auch „Stadt“ genannt –, und Ostelbien am östlichen Ufer der Alten Elbe. Der Werder, aus Großem und Kleinem Werder bestehend, ist ein kaum fünf Kilometer langes künstliches Gebilde, durch Wasserbaukunst zurechtmodelliert, links die Stromelbe für den Schiffsverkehr, rechts die Alte Elbe, dazwischen ein alter Elbarm im Rotehornpark, der im Norden zur Zollelbe mit dem Winterhafen wird und der die Gabe hat, sich in bestimmte Situationen an seine frühere Mächtigkeit zu erinnern. In der Mitte der Insel zehn Straßen mit 3000 Bewohnern.

Dass es vor der Bebauung mit Mietshäusern und Villen hier die verwunschenen Gärten des Seidenfabrikanten und Kunstliebhabers Bachmann gab, in denen Friedrich Gottlieb Klopstock vor genau 250 Jahren lustwandelnd seinen Messias geschrieben haben soll, und wo auch Anna Louise Karsch, die preußische Sappho, zu Gast war, dass auf der Insel die Bassmechanik für das Akkordeon und das Speiseöl für Deutschland entwickelt worden sind, 1927 von Johannes Göderitz das noch heute existierende erste Fertigteil-Montagehaus errichtet wurde und Mies van der Rohe einen luftigen, aber wegen seiner Emigration nicht mehr verwirklichten Glasbau für das Werkbundmitglied Margarete Hubbe entworfen hat, das hält man in der Stadt nicht für besonders erwähnenswert. Glückliche Insel hat Klopstock den Werder genannt. Daran möchte ich heute, angesichts einer möglichen Katastrophe, gern glauben. Aber die Insel hat schon beim letzten großen Hochwasser 2002 so verdammt viel Glück gehabt.

Seit im 19. Jahrhundert die ersten Wohnhäuser auf dem Werder errichtet wurden, hat man mit der Möglichkeit der Überschwemmung gelebt. Tiefe Keller gab es nicht, nur Souterrains. Erst nach der Wende und mit dem Furor der Überheblichkeit des Siegers in allen Gewichtsklassen, wurden die ersten Tiefgaragen gebaut. Als Kind fand ich es faszinierend, wenn vor unserem Wohnzimmerfenster das Wasser Zentimeter um Zentimeter stieg. Ich wünschte mir, wir würden mit dem Schlauchboot direkt aus der vierten Etage abgeholt. Nie aber war die Insel untergegangen, überspült oder auf den bewohnten Teilen auch nur überschwemmt worden, denn es gab seit 1875 das Pretziener Wehr, das die Stadt mit seinem Umflutkanal vor den Fluten schützt. Seit seiner Eröffnung ist es 63 Mal gezogen und der Werder so vor einer Überflutung geschützt worden.

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