Kultur : Hochzeit vor Stalins Hütte

Die Ausstellung „Glück Stadt Raum“ in Berlins Akademie der Künste untersucht städtebauliche Zukunftsverheißungen seit 1945

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Von Michael Zajonz

Blühende Landschaften wurden versprochen, wo immer es um die Aufwertung des Lebensraums ging. Die in Kooperation der Berliner Akademie der Künste mit dem Niederländischen Architekturinstitut Rotterdam erarbeitete Ausstellung „Glück Stadt Raum“ führt nun 33 jener städtebaulichen Interventionen zwischen Finnland und Italien, Belgien und der ehemaligen Sowjetunion vor, die ohne utopisches oder – je nach Standpunkt – ideologisches Glücksversprechen undenkbar sind.

Was wie der Titel einer soziologischen Dissertation klingt, entpuppt sich als unterhaltsamer Rundgang durch die Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Jahre 1945 bis 2000. Den Intentionen der Erbauer stellen die Kuratoren Romana Schneider und Rudolf Stegers die Inbesitznahme durch die Nutzer, die sich nicht immer zu „Neuen Menschen“ aufschwingen mochten, zur Seite. Diese doppelt geführte Perspektive ermöglichten sorgfältige Feldforschungen vor Ort, die wiederum Vorarbeit eines größeren Forschungsprojekts sind.

Weise Zurückhaltung bei der Ausdeutung des Gezeigten hin oder her - die Schau, die Stegers kokett „33 Variationen über eine delikate Beziehung“ nennt, verweist auf eine historische, gleichwohl nicht ganz verjährte Kardinalfrage sozialplanerischen Interesses. Die zutiefst westliche Vorstellung, dass sich durch Städtebau nicht nur das Leben verbessern, sondern schlichtweg das irdische Glück becircen ließe, ist so alt wie die Disziplin selbst. Plan- und Idealstädte verknüpfen seit der Antike das Wunschbild des „glücklich“ versorgten Insassen mit dem Verdikt einer umfassend gestalteten Umwelt. Funktioniert hat meist nur die technische Seite der Medaille: Die Mauern hielten besser denn je, Brünnlein und Steuern flossen, doch die prognostizierten kollektiven Rauschzustände erwiesen sich allesamt als utopische Papiertiger. Aber ist mit der neoliberalen Aufgabe von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ schon der staatlich garantierte und kontrollierte Zugang zu solchen „Glücks-Gütern“ wie Gesundheit, Wohlstand, Wohn- und Lebensraum in toto diskreditiert?

Utopien brauchen die Katastrophe als Katalysator. Was Wunder, dass nach 1945 mit bestem Gewissen und sehr viel Emphase in Ost wie West moderne Wohnungen, Freizeit- und Kulturstätten erbaut worden sind. Um die Resultate dieses Wettstreits der Systeme kennen zu lernen, bräuchte in Berlin niemand ins Museum zu gehen. Die Ausstellung leistet in ihrer Selbstbeschränkung jedoch weit mehr, als den bloßstellenden Vergleich angestaubter Ideale: Sie weitet en passant den Blick auf die vielfältigen Potenziale des Vorhandenen.

Längst nicht jedes der präsentierten Projekte (zu denen auch ephemere Spektakel wie eine Tournee der Rockband U2 gehören) entwickelte sich so, wie es seine Autoren voraussahen. Sicher, die Einkaufs- und Flaniermeile Prager Straße in Dresden, in Ulbrichts DDR beschwingte Großvitrine einer herbeigesehnten Konsumkultur, verspricht noch in ihrer heutigen Verwahrlosung mehr Urbanität, als das unvermeidliche CentrO Oberhausen. Und im georgischen Gori, dem Geburtsort Stalins, lassen sich die Brautpaare seit 60 Jahren vor der zum Tempel hochgerüsteten Hütte des Diktators ablichten.

Doch oft genug erfährt ein Objekt erst durch den Einbruch des Großartigen, Tragischen, Banalen – jener chaotischen Realität, mit der Planer und Architekten nur zögerlich umzugehen lernten – eine neue Nutzung und Anerkennung. So wurde die Nachbildung der goldenen Flamme der Freiheitsstatue, die die „International Herald Tribune“ 1989 der Stadt Paris schenkte, erst durch den Unfalltod Lady Dianas in unmittelbarer Nähe zum Denkmal.

Der Citoyen ist das unbekannte Wesen, das nicht jedem schiefen Kompromiss zu Dauer verhilft. Die in den 80er Jahren überall in der Sowjetunion errichteten „Häuser der Feiern“ – vorgestellt wird ein neo-organisches Exemplar aus Tiflis – sollten einer säkularisierten Gesellschaft die Würde einer kirchlichen Hochzeit vorgaukeln. Nun stirbt eine ganze Baugattung aus, während Kirchen restauriert oder, wie die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, aus dem Nichts rekonstruiert werden. Dafür musste ein Freibad abgerissen werden, das auf den Fundamenten des nie fertiggestellten Palast der Sowjets stand. So vergeht der Ruhm der Welt.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 1. Dezember. Mo 14-20 Uhr, Di-So 11-20 Uhr. Eröffnung heute 11.30 Uhr mit einem Vortrag von Pascal Bruckner. Katalog im Birkhäuser Verlag, 22 €.

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