Kultur : Höchste Kunst

Was Herbert von Karajan, Claudio Abbado und die 12 Cellisten mit dem Engadin-Festival verbindet.

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„Da oben haben sie gewohnt.“ Mit einer beiläufigen Geste zeigt der Wanderführer aus St. Moritz in Richtung der Villengegend am Suvretta-Hang, als er von seiner Kinderfreundschaft mit den Töchtern Herbert von Karajans erzählt. Im Schweizer Engadin pflegt man einen eher unaufgeregten Umgang mit prominenten Gästen. Und so verzichtet auch das Engadin Festival auf den in Bayreuth oder Salzburg üblichen roten Teppich. Künstler wie Sabine Meyer und ihr Trio di Clarone, Jordi Savall, der Trompeter Hakan Hardenberger und das Leipziger Streichquartett treten in der ersten Augusthälfte zumeist in kleinen Kirchen in St. Moritz und umliegenden Ortschaften auf. „Unsere Konzerte finden vor allem in historischen Gebäuden statt, die sich in die einzigartige Gebirgs- und Seenlandschaft einpassen“, schwärmt der niederländische Dirigent und Pianist Jan Schultsz, der das Festival seit 2008 leitet.

Auch Mitglieder der Berliner Philharmoniker sind wieder mit von der Partie. Nachdem 2012 Oboist Albrecht Mayer zu erleben war, spielt jetzt Flötist Emmanuel Pahud in einer der ältesten Kirchen des Engadins, San Luzi in Zuoz. In die holzgetäfelte französische Église au Bois in St. Moritz Bad lud Karajan einst Musiker seines Berliner Orchesters zu Kammerkonzerten ein. Dort gastieren die 12 Cellisten, mit einem Programm, das von Purcell-Arrangements bis zu Bossa Nova und Jazz reicht. Als Chef hat nur noch Richard Duven, der dienstälteste der Cellisten, Karajan erlebt. Mit dem Basler David Riniker haben die zwölf seit 1995 auch einen Schweizer in ihren Reihen.

Im Waldhaus Sils-Maria, nicht weit entfernt vom einstigen Domizil des Philosophen Friedrich Nietzsche, führen das Leipziger Streichquartett und die Schauspielerin Dietlinde Turban-Maazel Musik und Literatur zusammen. Zum „Teufelsgespräch“ aus Thomas Manns Roman „Dr. Faustus“ werden Stücke von Schubert, Beethoven, Adorno oder Cage gespielt. Mann und Adorno logierten früher in dem Hotel, ebenso wie der Schriftsteller Hermann Hesse, der Komponist Richard Strauss und der Dirigent Bruno Walter.

Vom Waldhaus führt ein Fußweg zu dem sicherlich intimsten Spielort des Festivals: Vor beeindruckender Bergkulisse liegt auf fast 2000 Metern Höhe die winzige Bergkirche in Fex Crasta, deren Chor im frühen 16. Jahrhundert reich mit Fresken ausgemalt wurde. Vor jeweils wenigen Dutzend Zuhörern wird die Barockviolinistin Midori Seiler dort Bach-Partiten aufführen.

Ins autofreie Fextal kommt übrigens Karajans Nachfolger Claudio Abbado seit vielen Jahren regelmäßig zum Wandern oder um Konzertprogramme fürs Lucerne Festival vorzubereiten. Auch für die Konzertgäste ist die Bergkirche nur zu Fuß oder per Pferdekutsche zu erreichen. „Unserem Publikum verlangen wir einiges ab“, sagt die Festival-Geschäftsführerin Martina Rizzi. „Wir möchten bei allen das Bewusstsein wecken, dass eine solch traumhafte Landschaft besonderen Schutz braucht. Denn der Klimawandel schreitet auch hier weiter fort.“ Corina Kolbe

Infos unter: www.engadinfestival.ch

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