Kultur : Höhenangst im Wasser

Eingepegelt: Wie das Kunstprojekt „Normalnull“ der Stadt das Schwimmen beibringt

Kai Müller

Einen Tsunami wird Berlin nie erleben. Auch keine Flut. Dabei ist die Stadt nahe am Wasser gebaut. Die halbe Stadt würde untergehen, zumindest ein paar Zentimeter, wenn die Wasserbetriebe mit ihrem „Grundwassermanagement“ aufhören und nicht mehr fortgesetzt Nassmassen aus dem Erdreich pumpen und irgendwo anders ausschütten würden. 582 000 Kubikmeter bewegen die Wasserbetriebe jeden Tag. Trotzdem ist Wasser hier einfach nicht spektakulär. Der Wasserstand von Spree und Havel ist immer derselbe, und die Flüsse wälzen sich so träge durch die Landschaft, dass es nicht mal Stromschnellen gibt.

An der Fischerinsel gibt es allerdings ein Wehr, an dem die Spree mal kurz hektisch wird. Wie über eine Treppenstufe ergießt sie sich in die Tiefe. Brian Catling aus Oxford hat diesen Wassersturz von oben gefilmt. Nun ist der Film ein paar Meter flussabwärts auf einem Fernseher im Foyer der Landesbibliothek zu sehen als Teil der Ausstellung „Normalnull“, deren 13 Installationen sich entlang der Berliner Gewässer verteilen. Nun treiben überall komische Objekte in Kanälen, Zuflüssen und Seen, die da eigentlich nicht hingehören. Im von Bäumen überwucherten Flutgraben wälzen sich gigantische Gummimaden, die aus Auto- und Treckerschläuchen zusammengesetzt sind (Tomy Ceballos); am Auswärtigen Amt liegen graue Plastikschläuche verschiedener Größe im Spreekanal und gemahnen an Schaumblasen (Susken Rosenthal); am Landwehrkanal sind verspiegelte Satellitenschüsseln an Brücken und in die Bewehrung geschraubt, um die Uferbefestigung als „bewohnten Raum“ neu zu entdecken (erst eine Satellitenschüssel verrät, ob ein Haus bewohnt ist, sagt Adam Klimczak); und auf dem Weißen See ist eine schwimmendes Häuschen verankert, man wird hinübergerudert, um eine „Sauna Obscura“ zu betreten, die das Bild der Umgebung auf die Innenwände und entblößten Körper wirft (eine sehr finnische Idee von Heidi Lunabba).

In der Landesbibliothek denkt man, der Fernseher ist kaputt. „Ich kann da auch nichts erkennen“, sagt der freundliche Herr vom Empfang. Sein Rat: „Also wenn das Bild nicht das ist, was sie suchen, drücken sie noch einmal auf den DVD-Player.“ Wenn man nur wüsste, was man sucht. Die linke Bildschirmhälfte erstarrt als grünlich schimmernde Fläche, dann rollt sich das Bild wie um eine unsichtbare Achse auf – und am rechten Bildschirmrand schäumt es heftig. „Water Book“ hat der 58-jährige Engländer Catling sein Video betitelt. Weil das Sturzwasser, wenn es über die Kante kippt, wie ein aufgeschlagenes Buch aussehe.

Sie betrachte die Wasserfläche „als Fundament“, sagt Kuratorin Sibylle Hofter zu ihrer Idee, eine Ausstellung mit Berlins unterschätztestem Element zu initiieren. Die ganze Stadt scheine wie auf einem Grundwasserspiegel zu schwimmen, sagt sie. Manche Bauten, wie der demontierte Palast der Republik, seien sogar wie Schiffe konstruiert. Sie ruhen auf einer Wanne, die sofort Auftriebskräfte entwickelt, sobald die Aufbauten abhanden kommen. So dümpeln jetzt gegenüber der ehemaligen Bauakademie drei Ruderboote aus Beton im Kanal, die Sibylle Hofter erst gegossen und dann dort vertäut hat, jedes wiegt 1,6 Tonnen. Man sieht den wuchtig-grauen Kleingefährten an, dass ihre Schöpferin dem Wasser als tragfähigem Medium nicht so recht traut. Für Hofter ist das flüssige Element jedenfalls mit Arbeit verknüpft: „Man muss schwimmen oder rudern können, um nicht unterzugehen.“ Nichts versteht sich wasserwärts von selbst.

Das haben Hofter und ihr Ko-Kurator Sven Eggers bitter erfahren, als sie behördliche Genehmigungen für ihre Schau einholen mussten. Man könne sich gar nicht vorstellen, wie viele Ämter in Berlin mit Wasser zu tun hätten. Das Wasser selbst fällt in die Zuständigkeit des Bundes, der Uferrand ist Ländersache und die Grünfläche dahinter verwalten die Bezirke. Für ein Kunstobjekt, das völlig nutzlos nur so vor sich hinschwimmt, fehlt allerdings jede Kategorie. In den Augen des Wasser- und Schifffahrtsamts ist Wasser ein Verkehrsweg und keine Eventfläche. Mit dem Effekt: „Unsere Kunstwerke sind als Steganlagen genehmigt worden“, sagt Sibylle Hofter verschmitzt.

Wie sehr Wasserlandschaften einem eigenen Gesetz folgen, führt Monika Brandmeier mit ihrer Installation im Nordhafen aus. Direkt unterhalb der weit gespannten Nordhafenbrücke (am Ostufer) hat sie ein Touristenfernrohr aufgestellt, durch das man eine „Findelboje“ näher betrachten kann. Das verlorene Bündel, das den Orientierungsverlust des Menschen auf dem Wasser lakonisch-eindrucksvoll veranschaulicht, ist an eine Dalbe gebunden. Ein schönes Bild für die Ortlosigkeit auf dem Wasser, das uns jeglicher Topografie und Orientierung beraubt.

Das ist ein brisanter Gedanke angesichts des Niemandslands, als das diese schmale Wasserstraße mit dem Mauerbau vor 45 Jahren definiert war. Am 24. August 1961 versank nur wenige Meter entfernt im Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal der erste Mauertote, erschossen auf der Flucht. Eine Tafel am Invalidenfriedhof erinnert daran. Und auch an einen anderen schweren „Grenzzwischenfall“ vom Mai 1962, als ein 14-Jähriger in die Fluten sprang und schwer verletzt das Westufer erreichte. Als die ihm dort zu Hilfe eilenden Arbeiter und Zöllner ebenfalls unter Feuer gerieten, schoss die Westberliner Polizei zurück und tötete einen Volkspolizisten.

Stille Wasser sind tief, heißt es. Dass sie für manche Zeitgenossen schnell zu tief sind, möchte ein „Schwimmkurs für Erwachsene“ von der Dokumentarfilmerin Karina Griffith einerseits illustrieren, andererseits beheben. Denn Griffith, die selbst nicht schwimmen kann, geht von der These aus, dass Nichtschwimmer vor allem unter Höhenangst leiden. Sobald sie den Boden unter den Füßen verlieren, versagt die eingeübte Motorik. Die Materie Wasser wird zum Medium einer Panik, die sich aller Grundfesten beraubt fühlt.

Für Nichtschwimmer dürfte die Aktion des Künstler-Duos Höfner & Sachs, von der Videofilme unter der Gertraudenbrücke (Leipziger Straße) zeugen, deshalb ein Albtraum sein. Nicht nur befüllten die beiden den Innenraum eines Pkw’s bis unters Schiebedach mit Wasser und fuhren als Taucher in ihrem bizarren Aquarium durch die Stadt, zur Biennale in Venedig drehten sie einen Kleinwagen auf dessen Dach – die Fahrerkabine wurde zum Bootsrumpf –, schraubten einen Außenbordmotor ans Heck und schipperten durch die Lagune. Da wurde das Meer für die Insassen zum Himmel. Ein Himmel, der sie verschlingt.

Normalnull: bis 29. Oktober an 28 Orten. „Schwimmkurs für Erwachsene“, 28. August bis 11. Oktober, Schwimmhalle Wuhlheide; „Der Bootgott vom Seesportclub“, Freilichtvorführung am 27. August, 22 Uhr, Friedrichsgracht 51, Mitte. Weitere Informationen unter: www.normalnull.de

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