Kultur : Höhenflug ab Berlin

Der Meister in seinem Werk: Das Jüdische Museum präsentiert die Architektur von Daniel Libeskind

Bernhard Schulz

Von Bernhard Schulz

Michael W. Blumenthal kann ein gestrenger Herr sein. „Da werden immer noch Privatgespräche geführt“, moniert der Direktor des Jüdischen Museums zum Auftakt der gestrigen Pressekonferenz. „Bitte setzen Sie sich hin und hören Sie still und artig zu.“

Die zahlreich versammelte Presse folgte aufs Wort, und so konnte Blumenthal ohne lästige Hintergrundgeräusche die – ab morgen zugängliche – Ausstellung „Kontrapunkt. Die Architektur von Daniel Libeskind“ als „wohl wichtigste und eindrucksvollste Wechselausstellung“ in der Geschichte des Hauses präsentieren. Seit zwei Jahren ist die Institution der Öffentlichkeit zugänglich und verzeichnet seit der Eröffnung im September 2001 die enorme Zahl von 1,4 Millionen Besuchern. Blumenthal, hörbar zufrieden: „Die Zahlen sind weiter sehr, sehr prächtig, in vielen Monaten sogar noch besser als im Vorjahr.“

Dass diese Tendenz weiter anhält, dürfte im kommenden Vierteljahr auch der Libeskind-Ausstellung zuzurechnen sein. Dem Architekten, der mit dem Bau des Jüdischen Museums seinen internationalen Durchbruch erzielte und seither von Erfolg zu Erfolg eilt, wird keine vollgültige und architekturhistorisch fundierte Retrospektive ausgerichtet, sondern Gelegenheit gegeben, die ihm wichtigsten Projekte vorzustellen: in einem Ambiente, das mit seinen verwirrend in den Raum stoßenden Stellwänden und den Weg verstellenden Objekt-„Inseln“ ein rechter Libeskind ist.

Die Ausstellung auf 600 Quadratmetern des – dank Libeskinds fulminaten Designs im Inneren unkenntlich gewordenen – barocken Altbaus des früheren Berlin-Museums konserviert das Fluidum, das die früheren Arbeiten des Architekten stets umgab – jene Champagnerluft des freien Spekulierens und Assoziierens, weit weg vom rauen Wind des knallharten Baugeschäfts.

Unmerklich gleitet der Besucher von den ersten, wahrlich freien Gedankenspielen etwa des Vorschlags für den Umbau oder besser gesagt die Dekonstruktion des Potsdamer Platzes aus der wilden Nach-Wendezeit von 1991 zu dem zwei Jahre späteren Wettbewerbsbeitrag für den Alexanderplatz. Weiter dann zum Entwurf des – zeitlich früher datierenden– Jüdischen Museums im gerade noch geteilten Berlin von 1989 und schließlich zu den ausgeführten Bauten der Neunzigerjahre, um seine Hauptattraktion in dem soeben noch aktualisierten Modell für die Bebauung von New Yorks „Ground Zero“ zu finden.

Diese Inszenierung, mag sie sich auch grosso modo mit der Chronologie der Libeskindschen Produktion decken, verschleift geschickt – und zweifellos gewollt – die Unterschiede zwischen spektakulären, aber von jeder Realisierungschance fernen Visionen und hart umkämpften, von den üblichen Kompromissen nicht verschonten Bauvorhaben. Die lange, für Menschen mit weniger starkem Willen entmutigend lange Inkubationszeit der Libeskindschen Architektur mit ihren Jahren des wahre Wortgirlanden windenden Theoretisierens, des Vagabundierens über die Lehrstühle diverser Architekturfakultäten erweist sich längst als unschätzbarer Vorteil.

Wo andere Stars der Profession Schwierigkeiten haben, ihre Entwürfe über die Grenzen des Architektonischen hinaus zu erläutern, steht Libeskind ein Vokabular an wohl klingenden Gemeinplätzen zur Verfügung, wie sie jede Wettbewerbsjury, jeder Politiker und eben auch jeder Museumsdirektor gerne hört. Das beginnt mit Libeskinds routiniertem Auftakt seiner Ausführungen bei der Pressekonferenz, „wie erregt und begeistert“ er sei, hier zu sein, und dass er – der nach 13 Jahren soeben Wohnsitz und Büro nach New York verlegt hat – sich immer noch fühle, als ob er in Berlin lebe. Immerhin, fügt er mit entwaffnender Offenheit hinzu, sei Berlin „die Stadt, die mir Gelegenheit gab, mein erstes Gebäude zu errichten.“

Seither vollzog sich einer der märchenhaftesten Aufstiege der Architekturgeschichte. Während sich ein Kollege wie Frank Gehry, in der Haltung abseits der steril gewordenen Moderne Libeskind durchaus verwandt, über Einfamilienhäuschen mühsam zu den Großaufträgen von heute vorarbeiten musste, begann Libeskind mit dem Präsentationsstück des Jüdischen Museums. Das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück, danach entworfen, aber dank reibungsloserer Verwirklichung früher fertig geworden, blieb in der Formensprache ein Nebenprodukt. Überhaupt begnügte sich Libeskind eine Weile lang mit dem Erkennungssignal der gezackten, spitzwinklig einander durchstoßenden Raumfluchten. Für das Holocaust-Mahnmal in Berlin lieferte er eine Art Spiegelbild des Jüdischen Museums, fiel im Wettbewerb prompt durch – und verzichtet in seiner jetzigen Ausstellung auf jede Erwähnung. Auch heute noch verwendet er diese Grundidee gerne, wie der – noch in die Ausstellung, aber nicht mehr in die begleitende, leider arg dünn geratene Broschüre aufgenommene – Entwurf zum Umbau des Militärhistorischen Museums in Dresden (Tsp. v. 16. August) bezeugt.

Wagemutiger, gleichzeitig aber auch konventioneller präsentiert sich Libeskind in England. Das anfangs heftig befehdete, mittlerweile jedoch von der Denkmalschutzbehörde abgesegnete Vorhaben zur Erweiterung des Londoner Victoria & Albert Museums verspricht einen Innovationsschub im Museumswesen. Die nicht zentrierte Gebäudespirale kommt ohne tragende Elemente aus und ruht in den ineinander verschachtelten Flächen der 500 Meter langen, aufsteigenden Wände. Zum viktorianischen Ursprungsbau des gewaltigen Museumskomplexes bildet Libeskinds Ergänzung innerhalb eines bislang zur Straße offenen Hofes einen starken Kontrast – und macht zugleich deutlich, worin Möglichkeiten und Grenzen solcher Kontrastarchitektur bestehen. Sie braucht nämlich einen starken Vorgängerbau, eine gewichtige Tradition, um sich erfolgreich auflehnen zu können – und das heißt: nicht bloß als leere Geste.

Wo nämlich Libeskind für sich steht, wird er erstaunlich ruhig, wie beim 2001 eröffneten Imperial War Museum in Manchester. Drei gegeneinander versetzte, geschwungene Gebäude-„Scherben“ symbolisieren die Kriegsführung zu Land, zu Wasser und in der Luft. Nicht zum ersten Mal bedient sich der Architekt hier einer eingängigen, aber auch schlichten Symbolsprache.

Und dann Ground Zero: Das aktualisierte Modell des New Yorker Jahrhundertauftrags lässt ahnen, welche Kompromisse auf dem Weg von der fulminanten Präsentation Anfang dieses Jahres bis zur Fertigstellung irgendwann Ende des Jahrzehnts abverlangt werden. Fünf gediegen rechtwinklige Hochhäuser umstehen das als Gedenkstätte frei gelassene Terrain des Terroranschlags. Mit ihren schrägen Dächern spielen Libeskinds Bürotürme ein wenig Avantgarde. Das macht sich gut auch auf dem Modell, das der Betrachter aus der Vogelperspektive wahrnimmt. Für die spätere Realisierung hat es eher wenig Belang.

Aus dem fünften Bürohaus wächst empor, was Libeskind den Sensationssieg im knochenhart umkämpften Wettbewerb sicherte: jene „vertikale Landschaft“ aus Gärten und öffentlichen Räumen, die sich in der – exakt 1776 Fuß hohen – Turmspitze dramatisch verliert. So wird der alte Begriff des „Wolkenkratzers“ nochmals pathetisch erneuert. Keine Frage, dass Libeskinds Ensemble eine hochprofessionelle Antwort auf die „Komplexität“ – auch so ein Lieblingswort der Libeskind-Adepten – der Aufgabe darstellt. Aber es bedeutet mitnichten jene Abkehr von der amerikanischen Profitmentalität, als die es im ersten Überschwang des Wettbewerbserfolgs verklärt wurde.

Ob er Kompromisse eingehen müsse? Es handele sich um einen „sich entwickelnden Plan“, „stark und flexibel“, antwortete der 57-jährige Neu-New-Yorker. Mit dem Jüdischen Museum Berlin hat er Architekturgeschichte geschrieben. Doch erst mit den nachfolgenden Kommerzaufträgen wie dem für Ground Zero baut er an einem Lebenswerk.

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14, bis 14. Dezember. Täglich 10 - 20 Uhr, Montag bis 22 Uhr. Ausstellungsbroschüre 1 €.

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