Kultur : Höhenflug der Highlander

Vor 300 Jahren vereinigte sich Schottland mit England. Eine schwierige Ehe. Jetzt wollen die Schotten mehr Unabhängigkeit

Ruth Ciesinger,Markus Hesselmann

Dudelsack – das Wort ist eine Beleidigung. Denn dieses majestätische Instrument dudelt nicht. Es dröhnt in einem Breitwand-Sound, der den ganzen Körper packt. Ohne Verstärker, nur mit der Kraft der Lungen. Ein Schutzpanzer aus infernalischer Musik, mit dem Schottlands Krieger seit Jahrhunderten in die Schlacht ziehen. Doch an diesem Londoner Abend ist die Szenerie gar nicht kriegerisch: Die Pinstripe Highlanders, die Highlander in Nadelstreifen, proben in einer Galerie am St. James’s Park, um die Ecke vom Auktionshaus Christie’s. Englischer ist London kaum irgendwo.

Banker aus der City, dem Finanzdistrikt der britischen Hauptstadt, packen hier einmal die Woche ihre Bagpipes aus und erinnern sich ihrer schottischen Herkunft. Einige kommen in Anzügen direkt aus dem Büro, andere haben noch ein Tennismatch dazwischengescho-ben und tragen Trainingsdress oder kurze Hosen. Mit den Füßen stampfen sie den schleppenden Rhythmus. In kleinen Schlücken liefert der heimische Whisky die Energie für das menschliche Dauergebläse – ein psychedelischer Sound, der den kleinen, grün tapezierten Galerieraum machtvoll füllt. Sie wollen nur spielen, doch ihre Lieder erinnern an große Schlachten: ab der Somme, in Al Alamein. Da ging es gegen die Deutschen, in zwei Weltkriegen, die Fronten waren klar. Dann wird in Erinnerung an die Battle of Bannockburn geblasen. Das war im Jahr 1314. Da ging es gegen die Engländer. Mit ihnen sind die Schotten inzwischen vereint – am 1. Mai genau 300 Jahre. Und von ihnen wollen sich viele Schotten am liebsten wieder trennen. Die Regionalwahl am 3. Mai könnte ein Schritt auf dem Weg dahin sein.

Chris Craig packt den Dudelsack ein und greift zum Blackberry. Ein Blick aufs Display, nichts Wichtiges verpasst. Der Nadelstreifen-Highlander ist 33, kommt aus Edinburgh und arbeitet als Finanzberater für Price Waterhouse Coopers. Seit fünfzehn Jahren verstärkt er die große schottische Gemeinde in London. 400 000 Schotten der ersten oder zweiten Generation leben in der britischen Hauptstadt. Gut fünf Millionen Einwohner hat Schottland. „Unabhängigkeit? Das wäre keine gute Idee“, sagt Chris Craig. „Ich will doch nicht plötzlich im Ausland leben.“ Doch für ihn gibt es nicht nur persönliche Gründe gegen die Abspaltung seiner Heimat: „Im Vereinigten Königreich können wir international viel mehr erreichen als in einem unabhängigen Schottland.“ Chris Craig ist Schotte durch und durch. Doch wie viele seiner Landsleute ist er auch Teil der britischen Wirtschaftselite. Er denkt global, nicht regional.

Zu Großbritannien dazugehören, aber gleichzeitig ein Schotte sein – eigentlich muss das gehen, so wie ein stolzer Bayer schließlich auch Deutscher bleibt. Aber für viele Schotten ist das gar nicht der Gegensatz, auf den es ankommt. Für sie geht es nicht um die „Union“ oder Britannien, sondern um ein mächtiges, arrogantes England, dieses Land da im Süden, das über die Jahrhunderte ihr Schicksal bestimmte. Das lässt einen Hass lodern, der, je weiter es gen Norden geht, proportional zur Entfernung nach London anschwillt. Und in Edinburgh auf der Brücke über der Waverley-Station steht dann ein alter Mann mit einer Nase, groß wie eine junge Frühlingskartoffel, rot und von Porenkratern zerklüftet, und sagt: „Die Deutschen? Gute Leute. Der Rommel hat den verdammten Engländern richtig einen eingeschenkt.“ General Rommel finden auch die Pinstripe Highlanders irgendwie gut. Doch in Sachen Unabhängigkeit sind ihre Meinungen gespalten.

Einer, der nur zu genau von der gespaltenen schottischen Seele weiß, schickt sich jetzt an, England und Schottland zusammen zu regieren. Gordon Brown ist seit 1823 der am längsten amtierende britische Finanzminister. Er ist der zweitmächtigste Mann in der Labour Party und jetzt wohl wirklich bald Nachfolger des britischen Premiers Tony Blair – und er ist Schotte. Blair ziert sich noch, seinen genauen Rücktrittstermin bekannt zu geben, doch nach der Schottlandwahl könnte es für Brown so weit sein.

Gordon Brown, in Glasgow geboren, studierte und promovierte an der University of Edinburgh und organisierte mit knapp 28 Jahren die Kampagne „Labour says Yes“ – „Labour sagt Ja“. Nicht Ja zur Unabhängigkeit, aber zu mehr Eigenständigkeit von England. Am 1. März 1979 sollten die Schotten zum ersten Mal über ein eigenes Parlament abstimmen. Der junge Brown und seine Anhänger scheiterten grandios. Gordon Brown, schon immer selbstbewusst, hat sich nie auf Debatten eingelassen, er sei vielleicht zu jung und unerfahren gewesen, um sich gegen – vor allem innerparteiliche – Gegner durchzusetzen. Die Stimmung sei allgemein schlecht gewesen und seine Kampagne habe zu wenig Geld gehabt, sagt er selbst im Nachhinein; offenbar hatten Plakate mit dem Bild von Premier James Callaghan fast das ganze Budget von 25 000 Pfund verschlungen.

Unbestritten aber ist: Wie Brown für Dezentralisierung, für „Devolution“, zu sein, war Labour-Avantgarde. Der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit ist in Schottland zwar fast so alt wie die Union mit England. Und die Scottish Home Rule Association, die Schottische Selbsregierungsverbindung, aus der später die Scottish National Party (SNP) hervorging, gründete sich immerhin 1886. Doch die Mehrheit der Schotten fühlte sich in den siebziger Jahren noch ganz wohl in dem Verbund, und gerade die Labour Party war damals zutiefst davon überzeugt, dass die Idee der Arbeiterklasse sowieso über Nationengrenzen hinwegreicht, die Regierungsgeschäfte aber am besten zentral von Westminster aus gelenkt werden. Schottischer Nationalismus passte nicht zur Ideologie, schottische Labour-Parlamentarier empörten sich sogar gegen die Idee eines eigenen Parlaments und organisierten eine Kampagne: „Labour votes No“ – „Labour stimmt mit Nein“. Mit Erfolg.

Dabei hatte die Labour-Regierung in London einen guten Grund gehabt, die Devolution in die Wege zu leiten. Er war schlank, attraktiv und hatte eine blonde Dauerwelle. 1967 hatte die schottische Anwältin und SNP-Politikerin Winnie Ewing eine Nachwahl gegen Labour gewonnen. Es war ein Schock für die Partei, an die im Jahr zuvor noch mehr als zwei Drittel aller schottischen Parlamentssitze für Westminster gegangen waren. Zwar musste Ewing drei Jahre später ihren Sitz schon wieder räumen. Doch ihr Sieg war ein unmissverständliches Signal, wie die wachsende Arbeitslosigkeit und eine immer schlechtere Wirtschaftslage in Schottland das Verhalten der schottischen Wähler beeinflussen würden – mit Zulauf für die Home Rule.

Weil Labour aber mehrheitlich so gar nicht von der Dezentralisierung überzeugt war, verhunzte die Regierung in London den ersten Versuch gründlich, dem schottischen Selbstwertgefühl entgegenzukommen und sich so die Unterstützung der schottischen Nationalisten in Westminster zu sichern. Das Referendum scheiterte – an mehr als halbherziger Vorbereitung, an einem Quorum, an den zwei konträren Kampagnen, die Labour selbst in Schottland betrieb, und an dem Unwillen, sich mit anderen Devolutionsfreunden zusammenzuschließen.

Es waren harte Zeiten für Labour. Im „Winter of Discontent“ von 1979 hatte sich der Müll in Großbritanniens Straßen getürmt, weil die Gewerkschafter für höheren Lohn und gegen die Politik der Regierung streikten. Im März fiel dann der „Scotland Act“ bei den Schotten durch. Und wenige Wochen später entzogen die SNP-Parlamentarier in Westminster Premier James Callaghan ihr Vertrauen. Die Regierung trat zurück, die darauf folgenden Wahlen gewann Margaret Thatcher.

Sie begann mit jenen Reformen, die das Land vom Kopf auf die Füße stellten, ein Wirtschaftswunder auslösten und Thatcher den Titel der „Eisernen Lady“ einbrachten. Das Wirtschaftswunder hält mit kleinen Rückschlägen bis heute an und beruht zum großen Teil auf dem Boom der Londoner City, an dem Leute wie der Nadelstreifen-Highlander Chris Craig ihren Anteil haben. Trotzdem, nirgendwo sonst in Großbritannien wird die frühere Regierungschefin heute noch so herzlich verabscheut wie in Schottland. Als Konservative und radikale Verfechterin der Union handelte sie gemäß ihren Überzeugungen, und das hieß: alle Macht nach London, weg mit dem sozialistischen Wohlfahrtsstaat. Kein Problem für Thatcher, dass nicht alle mit ihren Radikalmaßnahmen glücklich waren. „Diejenigen, die uns gewählt haben, wissen, für was wir stehen – und wir haben jedes Recht, unsere Pläne in die Tat umzusetzen“, sagte sie kurz nach ihrem Amtsantritt. Nur: Die Mehrheit der Schotten hatte nicht konservativ gewählt.

Also sprudelte das Geld aus dem Nordseeöl direkt nach London, nachdem es vor der schottischen Küste aus dem Boden gepumpt worden war, gleichzeitig machten Schiffswerften und Kohleminen zwischen Glasgow und Inverness reihenweise dicht und Tausende verloren ihre Arbeit. Immer mehr Schotten fühlten sich von englischen Nationalisten fremd bestimmt. In einer Fernsehserie, in der der schottische Schauspieler Robert Carlisle einen kleinen Dealer aus den achtziger Jahren spielte, reichte eine einzige Einstellung, um klarzumachen, dass in seiner Stadt niemand eine Chance auf irgendetwas, geschweige denn ein besseres Leben haben würde – die Kamera hielt auf ein abgerissenes Wahlplakat von Margaret Thatcher. Dabei könnten die Schotten ihr dankbar sein. Letztlich hat ihre Politik in den 90ern zum schottischen Parlament geführt – und damit vielleicht zum ersten Schritt zur Unabhängigkeit.

Der Horror, den Thatchers Regierungszeit auslöste, ließ innerhalb weniger Jahre die zentralistische Labour Party zur Devolutionspartei Nummer eins werden. Überall im Königreich herrschten die Tories, doch in Schottland wuchsen viele der besten Labour-Leute heran, die in der Regierung von Tony Blair die Geschicke des Landes geprägt haben und die sie jetzt, siehe Gordon Brown, endlich selbst von ganz oben lenken wollen. Zugleich wurde aus der Devolution als wahltaktischer Überlegung ein echtes Programm. Nur so, sagte Blair als Parteichef, könne die Union überhaupt weiter fortbestehen – Dezentralisierung gegen das völlige Auseinanderbrechen.

Aber auch die schottischen Nationalisten lernten dazu. Der Gewinn eines Wahlkreises durch Winnie Ewing war in den sechziger Jahren noch ein Ereignis gewesen, das ein konzeptloses Sammelsurium wie die damalige SNP total überrumpeln konnte. Damals wollte sie vor allem Unabhängigkeit, konnte aber nicht einmal erklären, wozu. Spätestens mit Alex Salmonds Amtsantritt als Parteichef 1990 etablierte sich die SNP jedoch als ernst zu nehmende sozialdemokratische Partei. Das Ziel der Unabhängigkeit hat sie allerdings bis heute nicht aufgegeben.

Die Bedingungen vor dem zweiten Referendum 1997, das Labour für den Fall eines Wahlsieges fest versprochen hatte, waren ideal. Nur Dianas Tod knapp zwei Wochen vor dem Abstimmungstermin am 11. September versetzte Devolutionisten in Unruhe. Würde das Schicksal der „Königin der Herzen“ die Liebe zur Union wiederbeleben? In Englands wie Schottlands Supermärkten standen die Menschen Schlange, um zwischen Plastiklilien Zeilen der Trauer in Kondolenzbücher für die Prinzessin zu schreiben. Doch obwohl viele Schotten im Nieselregen Dianas Beerdigung auf riesigen Leinwänden verfolgten, stimmte bald darauf eine große Mehrheit für ein eigenes Parlament, das in regionalen Fragen echte Entscheidungsbefugnisse bekam.

Jetzt, zehn Jahre später, will die SNP es noch einmal wissen. „Unser Ziel ist ein unabhängiges Schottland in Europa“, sagt die SNP-Kandidatin Linda Fabiani. Der Europazusatz ist ihr wichtig, nicht nur weil ihre Vorfahren Italiener waren. Sie weist darauf hin, dass die SNP keine Truppe nationalistischer Abenteurer ist, sondern sich als Teil einer europäischen Bewegung für mehr regionale Unabhängigkeit versteht. Die großen Nationalstaaten sollen Macht nach oben und nach unten abgeben. „Wenn wir die Wahl gewinnen, werden wir die gesetzliche Grundlage für eine Volksbefragung zur Unabhängigkeit schaffen“, sagt sie. Bis 2010. Verfassungsrechtlich müsste dann immer noch Westminster einer Abspaltung zustimmen. Doch dem Willen des schottischen Volkes würde man sich dort auf keinen Fall widersetzen. Umfragen vor der Wahl am Donnerstag legen nahe, dass die SNP keine schlechten Chancen hat, stärkste Partei zu werden und ihre Unabhängigkeitspläne anzugehen. Ob ein selbstständiges Schottland allerdings automatisch EU-Mitglied wäre, darüber sind mangels Präzedenzfällen die Meinungen geteilt. „Wir gehen davon aus“, sagt Fabiani. „Schließlich bliebe England ja auch weiter Mitglied. Und ich glaube nicht, dass die anderen EU-Länder etwas gegen unsere Mitgliedschaft hätten.“

Dass die SNP diese Frage nicht geklärt hat, ist für ihre Gegner Beispiel für die Unausgegorenheit der ganzen Kampagne. Ein Wort benutzt Nigel Griffiths dann gern: „Folly“ (Wahnwitz) nennt der Westminster-Abgeordnete aus Edinburgh das Streben nach Unabhängigkeit. Seine Gegenargumente sind wirtschaftlich, eines ist die Abhängigkeit der schottischen Rüstungsindustrie von Aufträgen aus London. Fürchtet der Labour-Mann nicht, dass der Prozess für mehr Autonomie, den seine Partei in Gang gesetzt hat, nun in der Unabhängigkeit enden könnte? „Im Gegenteil. Dadurch haben wir die Unabhängigkeit ja verhindert“, sagt Griffiths ganz im Blair’schen Sinne. Drei Viertel aller Schotten seien für etwas Autonomie. „Aber ich kann mich an keine einzige Meinungsumfrage erinnern, in der sich eine Mehrheit für die Unabhängigkeit ausgesprochen hätte.“

Catherine MacLeod von der Glasgower Zeitung „The Herald“ glaubt auch nicht, dass die Masse der Schotten auf Teufel komm raus das Vereinigte Königreich zerlegen will. „Die jungen Schotten sind selbstbewusst und zufrieden“, sagt sie. Sie hätten ein gesundes Verhältnis zur schottischen Kultur entwickelt, lebten in wirtschaftlich guten Zeiten und neigten nicht zu politischen Experimenten. Doch die Argumente gegen die Unabhängigkeit, die aus Westminster vorgebracht werden, würden genau das Gegenteil bewirken: „Die Leute wollen nicht dauernd gesagt bekommen, dass sie es alleine nicht schaffen“, sagt sie.

Diese Leier kann auch David Cruickshanks nicht mehr hören: „Das Establishment schließt die Reihen“, sagt er. Cruickshanks, der in Dalgety Bay nördlich von Edinburgh lebt und als Hochzeitsfotograf arbeitet, hat jedes Recht, sich zu Belangen des Vereinigten Königreichs zu äußern. Er hat sein Leben dafür riskiert. Als 17-jähriger Seemann half er vor 25 Jahren mit, die Falklandinseln im Südatlantik von den Argentiniern zurückzuerobern. Der Schotte Cruickshanks kämpfte in „Maggies Krieg“, wie er den Falklandkonflikt nennt. „Damit die City-Banker in Champagner baden konnten.“ Nicht dass er seinen Kriegseinsatz fürs Königreich bereut. „Das war eine andere Zeit“, sagt er. „Aber man muss sich weiterentwickeln. Wir haben hier genug intelligente Leute, und ich finde, wir sollten es jetzt ruhig mal allein versuchen. 300 Jahre als englisches Anhängsel sind genug.“ Sein Vorbild in Sachen Unabhängigkeit sind die osteuropäischen Staaten. „Sie zeigen uns, dass es geht“, sagt David Cruickshanks. „Sogar im Fußball. Da machen sie uns das Leben schwer.“

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