Kultur : Höhenluft tut gut

MARKUS KRAUSE

Das ging schon gut los. Die Fotografie machte den Anfang bei der zweitägigen Frühjahrsauktion der Villa Grisebach, und nur sehr optimistische Zeitgenossen hätten ein solches Ergebnis für möglich gehalten: über achtzig Prozent verkaufter Lose, über eine Million Mark Umsatz, eine Summe, die knapp 150 Prozent des Schätzwertes des gesamten Angebots entspricht. Wie das geht? Indem zahlreiche Arbeiten weit über die erwartete Summe beboten werden.

Zum Beispiel John Heartfield. Dessen Vintage "Unter dem Hakenkreuz", 1932 nach einer seiner Fotocollagen entstanden, war einem Berliner Händler mit 35 000 Mark die sechsfache Taxe wert. Ähnlich beherzt griff der amerikanische Handel bei einem Foto zu, das Kurt Schwitters um 1920 in trauter Runde mit einer nicht überlieferten MerzPlastik zeigt. Es schnellte von 4000 Mark auf ebenfalls stolze 35 000 Mark. Albert Renger-Patzschs Industriefoto des Gitterwerks einer Laufkranbrücke von 1926/27 wanderte für 28 000 Mark (statt 3000 Mark) in eine deutsche Privatsammlung, und auch Leni Riefenstahls Sportlerfoto aus dem Olympiadejahr 1936 belegte mit 13 500 Mark einen ausgesprochen guten Platz innerhalb der Rangliste, hatten die Wetten hierfür doch nur bei einem Preis um die dreieinhalbtausend Mark gelegen.

Apropos Rangliste: Gleich mehrere Weltrekorde (um im Bild der Olympiade zu bleiben) hatte die anschließende Gala-Auktion mit den ausgewählten Werken des späten 19. und des 20. Jahrhunderts zu verbuchen. Höchster Preis des Tages und überhaupt persönliche Bestleistung des Künstlers waren die 1,8 Millionen Mark, die ein Privatsammler aus Berlin für das Zugpferd der Auktion, Erich Heckels weiblichen Akt aus dem Jahr 1910, bewilligte (Schätzpreis 2 Millionen Mark). Auch der für seine Berliner Nachtbilder berühmte Lesser Ury schwang sich in bisher ungeahnte Höhen. Seine wunderbare, ungemein moderne "Nachtstimmung" von 1918 landete für 420 000 Mark in einer deutschen Privatsammlung (Taxe 300 000 Mark). Gleiches gilt für die beiden Berliner Ansichten des neusachlichen Malers Gustav Wunderwald, die mit 200 000 Mark und 145 000 Mark geradezu spektakulär honoriert wurden (Taxen 110 000 Mark und 70 000 Mark), während Carl Grossbergs "Bahnhofsplatz in Köln" von 1926 trotz einiger Erhaltungsmängel für 190 000 zu einem amerikanischen Privatsammler überwechselte (Taxe 80 000 Mark). Nach Amerika ging auch das zweitteuerste Bild der Auktion, Karl Schmidt-Rottluffs kraftvoller "Akt" von 1914, der in der Villa Grisebach vor fünf Jahren schon einmal (damals für 980 000 Mark) verkauft worden war und den nun die amerikanische Händlerin Renée Price im Auftrag für 1,3 Millionen Mark erwarb.

Angesichts solcher Ergebnisse liessen sich die Ausfälle relativ leicht verschmerzen, zumal sie sich in Grenzen hielten. Bonnard, Vuillard, Schwitters, Macke und Zille, bei der Nachkriegsmoderne Willem de Kooning, Penck und Brüning hatten keine Fortune. Doch das tat dem Gesamtergebnis keinen Abbruch. Mit einem Umsatz von total 18,3 Millionen Mark (inklusive Aufgeld) war dies die erfolgreichste Auktion der Villa Grisebach seit 1991.

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