Kultur : Höher, schöner, teurer

Die Londoner Tate Modern plant einen phänomenalen Erweiterungsbau

Matthias Thibaut

Jetzt legt Nicholas Serota erst richtig los. Wer glaubte, der Triumphzug des Direktors der Tate-Galerie sei zu Ende, der mit der Eröffnung der Tate Modern im Frühjahr 2000 begann und die Stadt in ein Mekka der zeitgenössischen Kunstszene verwandelte, muss umdenken. Sir Nicholas stellte die Pläne für die Erweiterung der Tate Modern vor und sie sollen alles in den Schatten stellen, was London, England und die Welt in den letzten Jahren an phänomenalen Museumsbauten gesehen hat. Höher, größer, schöner, teurer ist das Motto, denn der Bau ist dem olympischen Gedanken verpflichtet: Im Jahr 2012, rechtzeitig zu den Olympischen Spielen in London, soll der 215 Millionen Pfund (314 Millionen Euro) teure Bau fertig sein.

Geplant ist ein wilder Legobau, der aus der fast neuklassischen Strenge des ursprünglichen Art-Deco-Baus von Giles Gilbert Scott, dem Designer des legendären roten Telefonhäuschens, förmlich herauspurzelt. Die nie gebaute Pyramide von Daniel Libeskind für das Victoria & Albert Museum, zahlreiche angedachte und wieder verworfene Projekte von Zaha Hadid – es bleibt Serota vorbehalten, das „Symbol des kreativen Großbritannien“ nun tatsächlich zu bauen.

Zunächst denkt man beim Entwurf der Basler Architekten Pierre de Meuron und Jacques Herzog an einen chaotisch aufgehäuften Berg gläserner LKW-Container. Zu den postmodernen Vorfahren des Baus zählen das Bilbao Guggenheim ebenso wie Vladimir Tatlins nie gebauter konstruktivistischer Turm für die Dritte Internationale. Was die Tate plant, steht in der Tat für einen revolutionären Umbruch: den Vormarsch der zeitgenössischen Kunst in immer neue Lebens- und Gesellschaftsbereiche.

Als Olafur Eliassons „Weather Project“ in der Turbinenhalle der Tate vor zwei Jahren schloss, hatte das Museum mehr Besucher als Großbritanniens größtes Shopping Centre angelockt, berichtet Serota, der sich gleichzeitig besorgt über die notorische Überfüllung seines Hauses zeigt. 25 Millionen sind seit der Eröffnung gekommen, 4,1 Millionen pro Jahr. Das Centre Pompidou hat 2,5 Millionen, das New Yorker MoMA 2,7 Millionen Besucher. „Die Erwartungen von Museumsbesuchern in aller Welt sind heute viel höher. Sie wollen eine andere Erfahrung haben und das wird das neue Gebäude bieten“, erläuterte Serota das Projekt.

Längst liegen die Kunstmuseen in ihrer Attraktivität vor den Sportstadien, versichern Kulturmanager. Das British Museum und die National Gallery in London mögen etwas von ihren Besucherzahlen eingebüßt haben, aber auf enorm hohem Niveau. Was bestimmt daran liegt, dass der Museumseintritt in Großbritannien kostenlos ist. Mögen andere Häuser die bessere Kunst haben, die Tate Modern führt die Beliebtheitsskala an, weshalb sie seit langem von einer ehrgeizigen Erweiterung spricht.

Hinter der wie ein Riegel zur Themse gelegenen Turbinenhalle sind noch zwei Drittel des Geländes des ehemaligen Bankside Kraftwerks unberührt. Die riesigen Öltanks, die in den Boden eingelassen sind, sollen nun im Tiefgeschoss des Neubaus zu „Performance Spaces“ umgestaltet werden. Darüber erheben sich zehn Stockwerke 70 Meter hoch, 60 Prozent mehr Ausstellungsfläche und ganz oben ein Restaurant mit Rundblick. In gewissen Kreisen ist die exquisite Weinliste ohnehin das schönste Kunstwerk der Tate. Der Neubau tritt in architektonischen Dialog mit dem schlanken Kraftwerkskamin und macht die Tate Modern zweitürmig wie eine gotische Kathedrale: mehr als ein Kunstmuseum – ein Denkmal für die Moderne und Londons Selbstbewusstsein als Hauptstadt der Globalisierung.

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