Kultur : Höhere Wesen bemalen

Der Hamburger Bahnhof würdigt den Außenseiter Paul Laffoley.

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Blick in die Zukunft.
Blick in die Zukunft.

Wie der Chip in seinen Kopf gekommen ist? Solche Fragen interessierenPaul Laffoley nicht. Allein die Tatsache, dass sich ein Stück Metall im Körper des Künstlers befindet, genügt ihm als Beweis. Irgendwo da draußen gibt es Außerirdische, die ihn – Paul Laffoley – zum Sendemast erkoren haben. Ein Austausch der kommunikativen Art, versteht sich. Laffoley will nicht nur empfangen. Er hat auch einiges über sich, die Menschheit und das Universum mitzuteilen.

Seine Botschaften finden sich minutiös auf jenen Gemälden wieder, die nun der Hamburger Bahnhof zeigt: als Ausnahmewerk in der Reihe „secret universe“, die Positionen ohne Verankerung in den gängigen künstlerischen Strömungen vorstellt. Nach der Premiere mit Horst Ademeit wird sie fortgesetzt mit dem US-Künstler Laffoley, der in Europa bislang noch keine Einzelschau bekam. Gezeigt werden die kosmologische Schaltpläne eines Visionärs, der sich auf Nietzsche, Goethe, Einstein, Kant und Newton beruft, um das Getriebe der Welt in leuchtenden Farben abzubilden.

Frappierend an den bevorzugt quadratischen Formaten ist ihr innerer Widerspruch. Laffoley räumt zuerst einmal auf, indem er Kreise, Rechtecke und andere geometrische Formen als Grundmuster nutzt, die seine komplexen Informationen wohldosiert aufnehmen. Dennoch bleibt ihre Fülle überwältigend – trotz oder vielleicht gerade wegen der kristallinen Ordnung, mit welcher der Maler sein Wissen visuell ausbreitet. Vieles davon erinnert an die Oberflächen von Spielautomaten, in denen es wild blinkt und scheppert, ohne dass sich die Mechanismen erschließen. Laffoleys Referenzen allerdings sind derart vielschichtig, dass er für fast jedes Motiv eine „thoughtform“ verfasst, einen schriftlichen Wegweiser durch seine von unsichtbaren Energien belebten Maschinen und Labyrinthe.

Dass es einen inneren Antrieb geben muss, der das Gemisch aus Wissen und Glauben durch die illustrativen Kreisläufe jagt, begreift man vor „The Orgone Motor“ (1981) oder „Temporality: The Great Within of the Universe“(1974) sofort. Unzählige Pfeile geben die Richtung an. Schriften, Symbole und kleine Porträts von Jesus-Darstellungen oder Platons Kopf bis hin zu kompletten Vignetten etwa des Gemäldes „Der Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli aus dem späten 18. Jahrhundert begleiten die dynamischen und dabei unergründlichen Prozesse.

Überhaupt nutzt Laffoley in seiner Arbeit auch die Strategien anderer zeitgenössischer Künstler wie Öyvind Fahlström oder Mark Lombardi, der ebenfalls in den Siebzigern damit begann, ökonomische Machtstrukturen in detaillierten, höchst ästhetischen Soziogrammen zu veranschaulichen. Laffoley mag zwar nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Architektur an der Harvard Graduate School of Design zum Einzelgänger geworden sein, verabschiedet hat er sich aber keineswegs aus der Gegenwart. Als hinderlich für die Karriere erwies sich weit mehr sein Beharren auf der komplett unmodischen Malerei und das Interesse an theologischen wie kosmologischen Themen – während die amerikanischen Künstlerkollegen durch konzeptuelle Klarheit auffielen.

Erst 1992 entdeckten Ärzte den kleinen Fremdkörper aus Metall während einer Computertomografie. Bis dahin hatte Laffoley wohl vor allem das Gefühl, anders als die anderen zu sein. Mit dem Sprechen begann der 1940 Geborene erst als Vierjähriger, mit Mitte zwanzig schaute er für Andy Warhol das nächtliche Fernsehprogramm durch. Seine Ausbildung als Architekt führte ihn erst zu Frederick Kiesler und dann in das Büro von Minoru Yamasaki, der gerade das World Trade Center entwarf. Beide Male verlor Laffoley seine Arbeit – zuletzt, weil er Fußgängerbrücken für die Zwillingstürme favorisierte.

1967 folgte der Rückzug in ein Ein-Zimmer-Appartement in einem Bürogebäude. Die „Boston Visionary Cell“ wurde fast vier Jahrzehnte lang zum Nukleus, gefüllt mit tausenden Büchern und anderen Medien, von denen sich der Maler geistigen Input versprach. Bis heute lebt er in einem Bostoner Loft und verbringt bis zu zehn Stunden täglich mit seinen Bildern. Die anderen (er)kennen als Spezialisten schließlich immer nur Teile des Ganzen. Einer wie Laffoley fügt die Splitter zusammen – und sei es auch bloß zum Update der Außerirdischen.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, bis 4. März; Di–Fr 10–18, Sa 11–20, So 11–18 Uhr.

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