Kultur : Höhlenkinder

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Wie spricht man das Wort „Amethyst“ aus? Wie bringt man eine hexenhafte Mutter zum Platzen? Was tun mit einem dreiarmigen, einäugigen Zauberwesen? Zwölf Kinder aus verschiedenen Berliner Schulen wissen Antworten auf diese Fragen. Poetisch, überraschend, witzig. Die Neun- und Zehnjährigen sind die eigentlichen Autoren von Mauricio Kagels Kinderoper „Zählen und Erzählen“, der dritten Produkion des von Curt A. Roesler geleiteten KinderMusikTheaters an der Deutschen Oper (weitere Aufführungen: 10.6., 15 Uhr, 11.,12.,13.,15. Juni, 11 Uhr.) Der Kölner Avantgardist legt sich mit seinem „Musiktheater für Unerwachsene“ quer zu Generationenklischees. Eine Handlungsanweisung ist die Partitur von 1976, „ein Stück Konzeptkunst“. Zu jeder Inszenierung entsteht eine neue Erzählung, als Spiegel der Zeit: Kinder wollen heute keine Comics, sondern Märchen. Der lila leuchtende Zauberstein bringt Anne-Marie in fantastische Abenteuer. Mut und Herzenswärme braucht man auch heute noch dazu – höchst echte, erfrischende und anrührende Nuancen entwickelt die kleine Ronja von Roenne unter Dagny Müllers sensibler Regie. Als machtgeil-resignierte Mutter brilliert Catherine Gayer, eine Primadonnenrolle ohne Gesang – es wird fast nur im Off gesprochen. Den poetischen Bildern fügt sich Silke Sense als unheimliches „Wesen“, Matthias Falz als geheimnisvoller „Dorfältester“ ein. Ines Isabel Glathar entwickelte die Kinderwelt trickreich: Zauberhöhle und Geheimgang aus dem Theaterfundus läßt sie mit Videobildern diskret auffüllen - auch dies eine „Partiturvorschrift“ für ein armes reiches Theater. Die Musik ist echt Kagel – nämlich kaum von ihm. Die Oper ohne Sänger ist ein Soundtrack aus Klaviertrio-Teilen von Schnittke, Turina, Brahms und Kagel. Etwas Besseres, so sensibel dargeboten wie vom Liszt-Trio Weimar, können sich Hörer von morgen gar nicht wünschen. Isabel Herzfeld

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