Kultur : Hölderlin zu Waldemar

Moritz Rinke über Rudi Völlers

Rede an die Nation

Wenn Rudi Völler Bundespräsident werden würde, dann könnte endlich der Ruck durch Deutschland gehen!

Grundsätzlich muss man erst einmal sagen, dass das Spiel gegen Island 0:0 ausging und als glückliches Remis gegen den Tabellenführer der Gruppe 5 gewertet werden kann. Was dann folgte, würde ich als Ruckrede für Deutschland bezeichnen, die darauf hinweist, dass wir Merkel, Schäuble oder Erwin Teufel nicht brauchen, sondern Völler. „Da sollten sich wirklich alle mal Gedanken machen, ob wir in Zukunft so weitermachen können. Immer diese Geschichte. Alles in den Dreck ziehen . .. Ich halt das nicht mehr aus.“

Friedrich Hölderlin hat das Dilemma der Deutschen ja auch schon in einer Art Ruckbrief an Bellarmin beschrieben („Hyperion“). Heutzutage wird so viel verglichen, da kann ich auch mal Völler mit Hölderlin vergleichen. Also: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerissner wäre wie die Deutschen. Handwerker (Waldemar Hartmann) siehst du, aber keine Menschen, Denker (Günter Netzer), aber keine Menschen, Herrn und Knechte (Delling) und gesetzte Leute (die ganzen deutschen Weißbier-Trinker), aber keine Menschen – ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßene Lebensblut zerrinnt?“

Wir Deutschen zerhacken sogar alles, was uns einmal gut und teuer war: Vizeweltmeister werden mit Superlativen überhäuft (obwohl sie so gut bei der WM auch nicht waren), und dann werden sie mit Superlativen vernichtet (obwohl es so schlecht gegen Italien und Island auch nicht war). Irgendwie gibt es in diesem Land einen Hang, Menschen übergebührend aufzubauen und wieder klitz und klein zu machen. „Ich sage dir“, sagte Völler zu Bellarmin, „es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk.“

Irgendwie haben die Deutschen eine Angst, Sterne allzu lange am Himmel zu lassen. Vielleicht hat das mit den Extremen ihrer einstigen „Sterne“ zu tun, und vielleicht haben sie sich deshalb auf ein Mittelmaß eingeschossen, was keiner über länger verlassen darf. Und merkwürdigerweise wird alles auf ein Mittelmaß gestutzt, aber es gibt kein Maß im Kritisieren.

Zwischen Hype und Vernichtung, zwischen Erfolg und Tod haben wir keine Form. Und vermutlich ist es genau das, was Hölderlin Waldemar Hartmann sagen wollte, der aber leider kein Wort verstand und erklärte, man müsse doch die Isländer eigentlich beherrschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar