Kultur : Hölle der vier Wände

ECKHARD FRANKE

Auf offener Bühne wird ein Kind brutal geschändet.Frisches Blut klebt an Höschen und Hemd.Erst als der Vater fertig ist mit der Tochter, fällt er ab von ihr, läßt ein Mädchen zurück mit leeren aufgerissenen Augen."Was gibts Schöneres als ein Familienglück? Nix Schöneres gibts nirgends", waren die ersten Worte dieses Abends: sie schlagen den Ton zwischen heuchelnder Süßlichkeit und verborgenem Schrecken an, den die junge Berliner Dramatikerin Chris Ohnemus ihrem zweiten Theaterstück "Mein Liebling bist du" durchgängig gegeben hat.

Das Stück führt mitten hinein in eine gemütliche Kleinbürgerhölle mit Blutwurst, Fernsehapparat und mechanisiertem Eheverkehr.Der bohrende sexuelle Appetit des Mannes trifft auf eine irgendwo zwischen Putzeimern, Windeln, katholischer Sexualmoral und eigener Berufstätigkeit verlorengegangene Libido der Frau.Das Auseinanderfallen der Wünsche und Begierden führt zum Verbrechen: Vater Herbert (Thomas Hölzl) nimmt sich von seiner halbwüchsigen Tochter, was er von der Frau nicht mehr bekommen kann.Und die Mutter (Isabella Archam), stumpf geworden in einem zur bloßen Existenzmechanik verkommenden Leben, schaut weg.

Ein hartes, schonungsloses Stück ohne Schnörkel, szenisch in der Saarbrücker Uraufführung umgesetzt durch ritualisierte Auftritte rund um den Eßtisch, die schwarzlederne Sofaecke und jenen gläsernen Kasten, in dem "das reizende Mariechen" (Roswitha Szyszkowitz) haust und immer wieder geschändet wird, ein Kasten teils Himmelbett mit herablaßbaren Vorhängen, teils Schneewittchensarg, teils Folterkäfig.Daneben ein abgestorbener Baum - Hoffnung ist keine mehr in diesem hermetischen Bühnenraum, den die Regisseurin Nada Kokotovic selbst entworfen hat.

Ihre stilisierte Figurenregie verstärkt die Sprache des Stückes, diese Mischung aus dörflich-kleinbürgerlichem Kolorit und bewußt manierierter Kunstsprache, als hätte sich Marieluise Fleißer, die Meisterkennerin der gewalthaften Sexualbeziehungen in gedanken- und sprachenger Provinz, zusammengetan mit dem viel zu früh gestorbenen Werner Schwab, dessen stelzig verknorzte Theatersprache das Hülsenartige und Verbogene seiner Bühnenfiguren so kunstvoll spiegelte.Auch die Kleinbürger der Chris Ohnemus reden von sich selber in der dritten Person, ein Ich gibt es nicht; indem das Stück Individuation also verweigert, behauptet es die vorgestellte Geschichte als eine ganz alltägliche, weit verbreitete.Es setzt den spektakulären Einzelfällen à la Dutroux in Belgien den grausamen, aber unauffälligen Normalfall entgegen.

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