Kultur : Hölle über der Wüste

Der australische Horrorthriller „Wolf Creek“ strapaziert auch starke Nerven

Julian Hanich

Der Mann ist nett. Zu nett? Als die Touristen Liz, Kristy und Ben nachts im Nichts der westaustralischen Wüste zu verzweifeln drohen, kommt er als freundlicher Retter des Weges. Das Gefährt der drei hat seinen Geist aufgegeben, da rattert dieser verschrobene, aber grundgütige Kauz vom Typ „Crocodile Dundee“ daher, um sie aus dem Wolf-Creek-Nationalpark abzuschleppen. Durch die Dunkelheit karrt er das jugendliche Trio zu seinem Lager, einem Schrottplatz im tiefsten Hinterland, wo er alsbald mit der Reparatur des Motors beginnt.

Toll, wenn wir hier so schnell wie möglich wegkämen, sagt eines der Mädchen, als es die Gruppe sich später am Lagerfeuer bequem gemacht hat. Könnte sein, dass sich das als schmerzliche Fehleinschätzung herausstellt. Könnte außerdem sein, dass in der vertrockneten Landschaft des australischen Outbacks demnächst ein paar Menschenleichen als Dünger gesät werden – six feet down under.

Die Wüste ist im Kino noch nicht oft als Horrorschauplatz gewählt worden. Die lichte Weite des Landes macht es den Regisseuren schwer, jene Raumverengung zu inszenieren, die so grundlegend für Angst- und Schockeffekte ist: verwinkelte Architekturen, in denen die Orientierung schwer fällt, Kellerfluchten, U-Bahn-Schächte, Häuser, in denen es spukt ... Die Wüste dagegen ist ein Ort, der nach der Panorama-Einstellung ruft – nach der weit ausholenden Geste von Filmen wie „Der englische Patient“, „Lawrence von Arabien“ oder, um einen australischen Film zu nennen, Nicolas Roegs „Walkabout“.

Was die Wüste dagegen bietet, ist das Gefühl, dem Grauen nicht entkommen zu können. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“ – so wurde einst der erste Teil der „Alien“-Saga beworben. Man sollte diesen Satz für „Wolf Creek“ auf die Wüste hin umformulieren. Er beschriebe ein Gefühl existenzieller Verlassenheit: die Gewissheit, dass sich die Welt nicht um einen schert, weil sie einen völlig aus den Augen verloren hat.

Wes Craven hat dieses Gefühl des Verlorenseins in der Wüste in seinem Kannibalenklassiker „The Hills Have Eyes“ effektvoll genutzt. Und Greg McLean tut es ihm mit peinvoller Freude nach. Darüber hinaus fährt er das gewohnte Arsenal des Horrorfilms auf: Gewalt, Schock, Ekel, Suspense. Was die sadistische Lust an der Folter betrifft, steht McLeans Film sogar Eli Roths Schocker „Hostel“ nicht nach. Selten, so darf man sagen, hat ein Film die körperliche Empathie des Zuschauers so stark beansprucht.

Im Gegensatz zu Roth ist McLean auch noch klug genug, seine Figuren mit einem Mindestmaß an Sympathie auszustatten und sie nicht als bloß nervtötendes Menschenmaterial dem Grauen auszuliefern. Zugegeben: „Wolf Creek“ beginnt als gemächlich dahingleitendes Roadmovie und kommt wie viele Horrorfilme anfangs nur sehr zuckelnd in Fahrt. Irgendwann aber werden die Buschmesser gewetzt und die Jagdgewehre in Anschlag gebracht, dass es nur so kracht und knackt.

Vielleicht hilft’s dem Leser ja bei der Entscheidungsfindung für oder gegen „Wolf Creek“: Der nervlich heruntergerockte Kritiker hat bei der Pressevorführung seinen sündteuren Mitschreibstift zerkaut. Vielleicht nicht das schlechteste Qualitätskriterium für einen Film, der nur eines will: den Körper der Zuschauer aufs äußerste zu strapazieren. Mit wüsten Methoden.

In sechs Berliner Kinozentren

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